Woyzeck in den USA

- In den USA platzen die Gefängnisse aus allen Nähten. Zynischerweise lässt sich mit der hohen Zahl männlicher Insassen schon die Arbeitslosenstatistik bereinigen. Denn für Jugendliche der untersten sozialen Schichten ist das Kleinkriminellentum oft die einzige Überlebensmöglichkeit. Ein solcher Kleinganove ist der junge Johnny Jehoo in Gert Neuners zyankalisch-schräger USA-Sicht "Amerika Amerika", mit dem sich der ETA-Theater-Chef nach drei Jahren in München zurückmeldet.

Die offene Arena des Schloss-Theaterzelts ideal für Neuners immer auch mitspielende Objekte: Schnürl-Verließ, rotlichtiges Lämpchenfeld als schwüler Massagesalon, von hinten vorfahrende Imbiss-Theke der polnischen Würstel-Wirtin, bei der Staatsanwalt Semper Sumbiegen herumschnüffelt. Davor schließen sich die Flipperwände einer Bank, die Jehoo überfallen hat. Dabei kam eine Angestellte zu Tode, was Jehoo in eine gläserne Zelle und dann auf Neuners Eigenbau eines elektrischen Stuhls bringt. Eine meist grotesk überspitzte, aber ganz klar erzählte Handlung also.

Neuner packt ihr allerdings jede Menge körperzuckender Dada-Nummern auf und surreal verschrägte Texte. Und Johnnys Welt bevölkern Komplizen, Knastwärter, Tunten, Transen und in Zeitumkehr auch die ermordete Lisette im vorbeiziehenden Hochzeits-Kanu nebst Trauungspriester. Da zerflattert das Stück ein bisschen. Wer keinen Sinn fürs Abstruse hat, nicht Achternbusch-geschult ist, mag Schwierigkeiten haben.

Aber in den Knastszenen, die unmittelbar Guantanamo und Abu Ghraib assoziieren und den unbenennbaren Schrecken eines zum Tode Verurteilten, erhält das Stück eine hohe sozialkritische Spannung. Und eine schauspielerische Qualität. Vor allem durch den persönlichkeitsstarken Gian Rupf, der seinen Johnny zu einer Art heutigem Woyzeck macht.

Mit 20 000 Euro aus eigener Tasche (!), nur Miete und Strom frei, hat Neuner diesen Abend gestemmt. Maske, Licht und Corbinian Maiers hinreißendes Country-Trio verzichteten auf Gage. So viel Herzblut fürs Theater - wo gibt's das noch?

Bis 3. 9., Tel. 089/ 14 34 080.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare