Wozu muss ich joggen

- Er ist der ungekrönte König des Boulevardtheaters. Wolfgang Spier, der heute 85 Jahre alt wird, steht nach wie vor fast jeden Abend auf der Bühne. "Nur durch die Arbeit bleibe ich fit", sagt der Schauspieler und Regisseur. "Wenn ich spiele, dann steigt der Adrenalinspiegel, und der Puls geht auf 150 - also wozu muss ich joggen?", meint Spier lachend. "Das Jahr 2006 ist schon total ausgebucht, es macht mir einfach Spaß. Wer will sich schon ein Leben lang erholen!"

Spier beherrscht die schwere Kunst der leichten, niveauvollen Unterhaltung. 250 Stücke aller einschlägigen Autoren von Neil Simon bis Curth Flatow hat er auf die Bühne gebracht - und sehr viele davon auch auf die der Münchner Komödie im Bayerischen Hof. Oftmals spielte er dabei auch selbst die Hauptrolle. Zu seinen Glanzstücken gehörten die "Sonny Boys" mit Harald Juhnke, "Ein Käfig voller Narren", "Vater einer Tochter", "Mein Freund Harvey". Als Charakterkomiker liebe er vor allem die tragikomischen Figuren, sagt Spier: "Wenn man es schafft, dass die Zuschauer in der selben Aufführung Tränen lachen und weinen, dann hat man es gut gemacht." Als Geburtstagsgeschenk wünschte er sich die Rolle des Charmeurs Val in Alan Ayckbourns "Sugar Daddys": Premiere der deutschsprachigen Erstaufführung ist am 13. Oktober in Berlin im Theater am Kurfürstendamm.

Ehe Spier, der Sohn eines Frankfurter Psychologen, Schauspieler werden konnte, musste der Halbjude bis Kriegsende warten. 1945 begann er dann in Berlin seine Ausbildung. Den Profit davon haben bis heute die Zuschauer - des Theaters wie auch des Fernsehens (u. a. "Ein verrücktes Paar"). Allen Unkenrufen zum Trotz, die Zukunft seiner Zunft sieht der Großmeister des Leichten nicht in Gefahr: "Die Leute wollen immer unterhalten werden. Sie wollen ab und zu mal abschalten und nicht ständig an die Psychodramen erinnert werden, die es in jedem Leben gibt." Allerdings: "Heute braucht man Stars auf der Bühne, und die gibt es immer weniger."

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