Wozu Originalklang?

- 2006 stehen nicht nur die Jubiläen für Mozart oder Heine an, nein, auch für den Tölzer Knabenchor wird es ein besonderes Jahr werden: Er feiert sein 50-jähriges Bestehen. 1956 gründete Gerhard Schmidt-Gaden, damals knapp zwanzigjährig, den Chor, und noch heute singt das Ensemble unter seiner Leitung. Alle Jahre wieder steht dabei Bachs Weihnachtsoratorium im Münchner Herkulessaal auf dem Programm. Nicht in voller Länge, sondern ausgewählt die Kantaten I, II, III und VI, diesmal begleitet vom L'Orfeo Barockorchester.

Natürlich klingt dieses Weihnachtsoratorium anders, als wenn es von Erwachsenen vorgetragen wird. Und es scheint nach wie vor nicht selbstverständlich, denn unter dem Titel "Wozu Originalklang?" legitimiert im Programmheft ein Artikel diese zu Bachs Zeiten übliche Aufführungspraxis mit einem Knabenchor. Immerhin muss man bei den Tölzern nie um die Tenöre bangen, was den meisten Erwachsenenchören stets große Probleme bereitet.

Mit Ausnahme der Eingangsnummer "Jauchzet, frohlocket!" und des "Ehre sei Gott in der Höhe" in der zweiten Kantate wählte Schmidt-Gaden eher langsame, breite Tempi und phrasierte teils sehr eruptiv. Hervorragend besetzt waren die Sopran- und Alt-Soli mit den Chorknaben Alexander Kalbitz und Frederik Jost. Die Partie des Evangelisten und die Tenor-Arien gestaltete Markus Schäfer mit nuancierter Stimmführung und ruhiger Intensität. Von raumfüllender stimmlicher Präsenz Panajotis Iconomou. Der Bassbariton, einst selbst Altsolist bei den Tölzer Knaben, gestaltete seine dramatisch opernhafte Interpretation sonor und geschmeidig.

Ausgesprochen viel Einfühlungsvermögen zeigte er zudem im wunderbar subtilen Arien-Duett mit Kalbitz "Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen" - vor allem wohl auch in Erinnerung an eigene Chorzeiten.

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