Bloß raus hier: Christian Gerhaher in seiner besten Opernrolle. foto: monika Rittershaus

Premierenkritik

"Wozzeck": Warum seid ihr alle da?

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Zürich - „Wozzeck“ als Kasperltheater aus dem Albtraum: In Zürich ist Christian Gerhaher erstmals in Bergs Oper zu erleben. Die Premierenkritik.

Vor zehn Jahren hätte er die Partie schon singen können. Ein Vergrübelter, ein Getriebener, einer dem die dunklen, jenseitsumwehten, angstbeißenden Lieder Gustav Mahlers so gut liegen, der muss doch einfach Wozzeck sein. Was Intendanten eben so meinen, ihr Umworbener aber gerade nicht. Christian Gerhaher hat sich dem lang entzogen, hat für ihn Entlegenes wie Papageno oder Don Giovanni („Ich, ein Womanizer?!“) erfolgreich riskiert. Und ist nun doch auf Alban Bergs Antihelden gekommen – obwohl der Münchner Bariton abseits der Bühne kaum etwas mit dem verkniffenen Schmerzensmann zu tun hat: Ja, er kann nicht nur in schwarze Löcher schauen, sondern sogar ausnehmend gut Witze erzählen.

Das ist eben das Missverständnis, das Gerhaher seit jeher begleitet. Interpretation hat bei ihm mit Identifikation so gut wie nichts zu tun. Es ist eher ein Erfühlen, ein intelligent hinterfragtes Ausstellen der Figuren, das seinen Opernrollen und dem lyrischen Ich seiner Lied-Deutungen eigen ist. Beim Debüt im „Wozzeck“ am Opernhaus Zürich kommt ihm da das Regiekonzept von Hausherr Andreas Homoki und Ausstatter Michael Levine gerade recht. Gezeigt wird in der Bankenmetropole am See keine Schauerstudie aus dem Bilderbuch des Prekariats, man spielt Kasperltheater.

Auf der Bühne ein schwefelgelber Rahmen, bald sieht man weitere, sich nach hinten verjüngende. Die Figuren, bis zur Unkenntlichkeit geschminkt und typenhaft aufgegrellt, stolpern herein, oft tauchen sie wie Handpuppen von unten auf und verschwinden wieder. Im Rhythmus schwingen die Chorherren das Pappbein. Mal wird der Titelheld verdoppelt, mal von den Klonen seiner Mitspieler fast überrollt. Das Kind von Wozzeck und Marie ist tatsächlich eine Puppe, ein ruhiger, wissender, geisterhafter Beobachter. Was fehlt, sind das Krokodil und ein Ausweg: Wozzeck, Schwerstarbeit für Gerhaher, klettert von einer Ebene auf die andere – bloß raus hier aus dieser Albtraumgroteske. Am Ende hat er sich ganz hinten zur letzten Öffnung hinaufgekeucht und lässt sich fallen. Der Tod, er kommt hier nicht als Ertrinken, sondern als banales Plumpsen.

Stilisierung, Distanzierung, Bizarrerie, auch kaum verborgenes Schielen aufs Fantasie-Füllhorn des Regie-Kollegen Achim Freyer, all das ist dieser packende Zürcher „Wozzeck“, aber eben eines nicht: naturalistische Nachzeichnung, die ja – beim Mitleidheischen zum Gala-Anlass – so grässlich nach hinten losgehen kann. Homoki lässt in seiner hochmusikalischen, auf den Punkt choreografierten Regie durchaus Humor zu. Der Schock wird nicht gemildert, sondern schräg verfremdet. Immer wieder verschieben sich die Rahmen, werden enger und kippen, als der Mord an Marie naht, aus dem Lot. Auch so ein Puppentheatertrick: Wozzeck schneidet ihr nicht die Schlagader auf, sondern gleich den Kopf ab.

Dazu passt, dass Fabio Luisi dirigiert, als habe er die Musik stundenlang über den Wetzstein gezogen. Als Gruß an die Spätromantik bietet Alban Berg ja durchaus Dankbares, besonders in den Zwischenspielen. Luisi verweigert sich mit der Philharmonia Zürich dieser Zwölftonkulinarik. Scharfkantig bis zur Geräuschhaftigkeit klingt das. Manches greift schmerzhaft das Trommelfell an, das Haus wird einem Akustiktest unterzogen. Auch hier ist, bei allem Temperament, Distanz herauszuhören. Gespielt wird so prononciert, so genau, als habe da einer jede einzelne Stimmgruppe herausoperiert, zugeschliffen, poliert und wieder zum Orchester zusammengesetzt.

Kein Ausfall bei den Solisten. Gun-Brit Barkmin gestaltet die Marie offensiv, mit überschminkten Tönen, manchmal auch chansonhaft: Kurt Weill, so wird einem fast weisgemacht, muss da dem Kollegen Berg beim Komponieren ausgeholfen haben. Wolfgang Ablinger-Sperrhackes Hauptmann buhlt als Napoleon-Popanz um Lacher, Lars Woldt (Doktor), Brandon Jovanovich (Tambourmajor) und Mauro Peter (Andres) siedeln ihre Figuren eine bewusste Umdrehung zu weit im Niemandsland zwischen Kabarett und Oper an, dort, wo auch dieser Wozzeck existieren muss und Fremdkörper bleibt.

Jede Phrase, jedes Wort hat Christian Gerhaher auf Bedeutung, Nuancierungsmöglichkeiten und Farbwerte untersucht, und trotzdem wirkt nichts „gemacht“ oder auf Effekt bedacht. Gerade weil er alle Stilmittel vom lakonischen Sprechgesang übers Liedhafte bis zum grellen Forte und heldenbaritonalem Aplomb ausspielt, wird die Zerrissenheit Wozzecks offenbar. Ein Ungreifbarer, dem man fasziniert beim Fall ins Bodenlose zuschaut. Gerhahers bislang beste Opernpartie ist das. Ein gefundenes Fressen für die Intendanten.

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen

am 16., 19., 22., 25. und 29. September sowie am 6. Oktober; Telefon 0041/ 44/ 268 66 66.

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