Wuchernde Geometrie

- Wer noch vor kurzem einen Pinsel in die Hand nahm, verfiel sogleich der ewigen Verdammnis durch Ausstellungsmacher, Kritiker und Galeristen. Malen - das war doch einfach unmöglich. Nach einem neuerlichen Schwenk und dem geldträchtigen Ramasuri um junge deutsche Maler dürfen jetzt auch Künstler, die nicht schon zu Goldeseln mutiert sind, mit Farbe an Leinwand und Papier. Und werden sogar von der Szene wahrgenommen. Und dürfen richtig altmodisch sein. Und eifern tatsächlich ungeniert Vorbildern nach.

Tradition und Selbstbewusstsein

Das ist nun zu besichtigen in der, warum auch immer, englisch betitelten Ausstellung "Liquid Crystal" in Münchens "lothringer dreizehn". Courtenay Smith und die Künstlerin Claudia Wieser haben unter "Flüssigkristall" 14 aktuelle Positionen vereinigt. Am auffälligsten die Versuche, wieder mit geometrischen Elementen umzugehen. Der durch seinen diesjährigen Biennale-Auftritt bekannt gewordene Thomas Scheibitz mag dabei der Vorreiter sein. In der "lothringer" finden sich sogar lupenreine "Zero"-Reliefs, klar, weiß, fein (Eva Berendes); oder Bauhaus-präzise, dynamische Kreisverschiebungen (Jens Wolf).

Gewitzter und eigenständiger geht Hansjörg Dobliar vor in seinem Kabinett namens "Raum der ekelhaft un-euklidischen Geometrie". Man freut sich nicht nur, wieder einmal gute Aquarelle sehen zu dürfen, sondern man kann auch seine beachtliche Auseinandersetzung mit kubistischen und lyrisch-abstrakten Ansätzen nach 1945 nachvollziehen. Dieses Selbstbewusstsein hat ebenfalls Wieser. Mit ihrer kristallin gebrochenen Spiegelwand spielt sie mit der Liebe zu dieser besonderen Geometrie, die in sich Wachstum trägt.

Wachsen, Wuchern und ein Sich-Weiterentwickeln interessiert auch die Maler. Diese organischen Gefilde dehnt Fanny Geisler in zarten, jedoch weit gespannten und vor allem vielversprechenden Gebilden aus. Mit seinem aufgelockerten Neo-Geo-Ansatz - den gab's ja auch schon in den 80ern - ist Andreas Korte noch auf der Suche nach individuellen Lösungen. Eine denkbare Richtung deutet eine Kreis-im-Quadrat-Arbeit an, die Exaktheit und pinsellockeres Sich-Auflösen ausforscht.

Hintersinnig mit Farbe und Geometrie gehen die "Plastiker" Florian Morlat und Alexander Wolff um: Spanplatten-Sechseck als eine Art Pavillon, in dem die Holzverspannungen den Farbkreis wiederholen, oder ein aufgeklappter Stoffkubus mit Vierkanthölzern - schäbige Geometrie sozusagen.

Lothringer Straße 13, bis 29. Januar 2006, Di.-So. 13-19 Uhr; Tel. 089/ 448 69 61.

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