Da wuchert ein riesiges Ding

- Die Nibelungen boomen. Der Mythos, der lange nur noch in Richard Wagners "Ring des Nibelungen" virulent war, ist seit kurzem wieder topaktuell: Lesung im Bayerischen Staatsschauspiel des hochmittelalterlichen Epos'; Sat.1 kam mit einem Fernsehfilm heraus, und an den Münchner Kammerspielen wagt man sich an Friedrich Hebbels Trauerspiel "Die Nibelungen", das aus drei Teilen besteht: "Der gehörnte Siegfried", "Siegfrieds Tod", "Kriemhilds Rache".

<P>Andreas Kriegenburg inszeniert das gigantische Unternehmen. Die zentrale Frauenrolle spielt Wiebke Puls. Sie ist in München, wo sie zum ersten Mal auftritt, die Kriemhild. Bei den sommerlichen Freilichtspielen in Worms gab sie unter Dieter Wedels Regie 2003 die Brunhild (Fassung von Moritz Rinke), heuer bei Karin Beier die Hebbel'sche Brunhild; hat also schon viel Nibelungen-Erfahrung. Premiere ist morgen.<BR><BR>Können Sie die Nibelungen noch ertragen? <BR><BR>Puls: Das ist immer noch ein spannendes Projekt, auch wenn ich vor zwei Jahren nie daran gedacht hätte, dass ich so viel mit den Nibelungen zu tun haben würde. Erst die Rinke-Fassung, dann zweimal Hebbel, mal als Brunhild, jetzt als Kriemhild. Aber es sind immer andere Versionen, andere Regisseure, sodass man nie das Gefühl hat, sich zu wiederholen. Ich war zum Teil entsetzt, wie wenig es einem hilft, dass man sich schon einmal mit dem Stoff beschäftigt hat. Andererseits ist das auch eine Wohltat. Ich habe keine große Affinität zu solchen Sagen. Sie wurden ja oft missbraucht, und da ist meine Reaktion: Finger weg. Das Stück ist mir nicht ganz geheuer; es ist nicht so wie bei einem antiken Drama.<BR><BR>Was irritiert Sie daran?<BR><BR>Puls: Alle haben Recht und Unrecht. Das macht es wahnsinnig schwer, sich da einzurichten. Jeder ist im Recht. Er versteht durchaus den anderen und dessen Recht, aber er beharrt auf seinem. Um das darstellen zu können, muss man sich innerlich extrem dehnen; dazu braucht es intellektuelle Disziplin. Bei Kriemhild wuchert ein riesiges Ding heran. Sonst nähre ich mich bei der Rollenfindung aus mir selbst. Diese Figur ist aber zu groß, um sie so zu begreifen. Dessen bin ich gewahr, und das muss ich in meine Arbeit miteinbeziehen. Auch Kriemhild steht ja oft fassungslos vor sich selbst. Zusammen mit der "Nibelungentreue" kommen Mord, Totschlag, innerliche Barbarei vor; so etwas will ich eigentlich nicht mit "Treue" verknüpfen. Aber "Treue" ist ein zentraler Begriff im Text. Diese Unvereinbarkeit ist vielleicht das Drama an sich - wie jetzt und in der Weltgeschichte.<BR><BR>Von Brunhild zu Kriemhild: Die eine ist Außenseiterin und wird brav; die andere ist brav und wird zur rächenden Außenseiterin.<BR><BR>Puls: Als ich Brunhild gespielt habe, war ich der Meinung, dass beide Frauen zwei Seiten einer Medaille sind. Dass Brunhild zerstört wird, und Kriemhild ihr Wesen entwickelt und dann einsam dasteht. Jetzt sehe ich das nicht mehr so einfach. Ich kann nicht Brunhilds Wesen von hinten aufrollen und komme dann zu Kriemhild. Kriemhild ist von Anfang an nicht so undefiniert, wie man denkt. Die Liebe lehnt sie aus Angst vor Verletzungen ab, und verfällt ihr, kaum dass sie es ausspricht. Und kaum, dass sie liebt, wird sie des Liebsten beraubt, wie sie befürchtet hat. Alles nimmt unweigerlich seinen Lauf. Räume öffnen sich: schöne, kleine, auch böse, dann die große Halle der Bodenlosigkeit. <BR><BR>Sie haben viel mit Kriegenburg gearbeitet.<BR><BR>Puls: Das war prägend. Seit der ersten Zusammenarbeit, "Adam Geist", hat er mich so besetzt, wie man es nicht erwarten würde. Diese antitypischen Besetzungen haben mir neue Aussichten eröffnet. Gemütlich ist es bei ihm allerdings nicht. Er baut etwas, und man muss es fühlen. Er gibt viel vor; es liegt dann beim Schauspieler, wie autark er ist, mit dem Angebot umzugehen. <BR><BR>"Nibelungen" mit Wedel, Beier - jetzt Kriegenburg.<BR><BR>Puls: Angefangen haben wir mit der kompletten Fassung. Kriegenburg hat während der Proben eingestrichen und dazuerfunden. Toll, wie er vorgeht. Es ergeben sich andere Gewichtungen als in Worms.<BR><BR>Wo liegen diese anderen Akzente?<BR><BR>Puls: Mir fällt auf, dass das Thema Liebe/Hassliebe intensiver beleuchtet wird. Dass Gunther Brunhild wirklich liebt - nicht nur wie einen neuen Ferrari. Gunther ersehnt diese Liebe. Auch die Liebe zwischen Siegfried und Kriemhild bekommt mehr Raum. Es gibt außerdem die Liebe zwischen Hagen und Kriemhild. Daraus erklärt sich viel von dieser destruktiven Kraft. Dann ist da das Thema Männer und Frauen: Was sind ihre jeweiligen Qualitäten? Die drei Teile Hebbels werden als drei Teile behandelt, mit einer jeweils signifikanten ästhetischen Handschrift.<BR><BR>Zurzeit haben die Nibelungen Konjunktur. <BR><BR>Puls: Das kann ich auch nicht recht erklären. Möglicherweise spielen unsere Stellung in Europa und die Globalisierung eine Rolle. Man beschäftigt sich mit den eigenen Wurzeln in dieser zersprengten, konfliktbeladenen Zeit, wie man auch auf die Religion zurückgreift. Wenn der Gegenstand kaum mehr benennbar ist, hilft die Überhöhung durch einen solchen Mythos vielleicht. Ich finde auch auffallend, welche Konjunktur Fantasy- und verkitschte Kriegsszenarien im Kino haben - warum die Leute so etwas verlangen, begreife ich nicht. </P><P>Das Gespräch führte Simone Dattenberger</P>

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