Wucht der Gefühle

- Im Vorfeld eine gewisse Skepsis: die Oper also wohl eines Klein- bis Mittelmeisters an einem der größeren Höfe des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, eine Opera seria zudem, jene spätestens mit Mozart ad acta gelegte, starre Kunstform, die in prinzipiell undurchschaubaren Handlungen mechanisch Soloarie an Soloarie reiht, und das ganze in Zeitausdehnungen, die den Vergleich mit Wagners Musikdramen nicht zu scheuen brauchen.

<P>Im bevorstehenden Fall drastisch heruntergekürzt auf immer noch fast vier Stunden Spieldauer. Dennoch reichlich Gelegenheit also, sich zu verheben, für Christoph Hammer und Peer Boysen, die für das Gärtnerplatztheater Giovanni Battista Ferrandinis "Catone in Utica" im Münchner Cuvilliéstheater wieder auf die Bühne gebracht haben - auf den Tag (12. 10.) genau 250 Jahre zuvor war das "Neue Opera-Hauß" mit der Festoper eröffnet worden.</P><P>Dann setzt der Countersopran Robert Crowe in einer großartigen "Sturm"-Arie mit schwindelerregend hohen Koloraturen die Luft im Rokokojuwel in aufrührerische Schwingung - zweieinhalb Stunden sind auf einmal vorbei, und Dirigent, Regisseur und Musiker haben schon fast triumphiert. Peer Boysen hat mit seiner Inszenierung ein Kunststück zustande gebracht, das die aufgepeppten, gagverliebten Händel-Projekte der letzten Jahre an der benachbarten Staatsoper in neuem Licht erscheinen lässt, vielleicht sogar in Frage stellt. Er nämlich zeigt, dass so etwas Totgeglaubtes wie eine durchschnittliche Opera seria zu äußerst vitaler Existenz wiedererwachen kann auch ohne aktionistische Reanimationsmaßnahmen, ohne schrille Kostüme, witzelnd durchchoreographierte Dacapo-Arien und überdimensionale Plastik-Haifische.</P><P>Boysen nimmt das Genre ernst, er setzt die Sänger einfach auf sechs frontal nebeneinander gestellte Empire-Stühle und gibt der Opera seria, was der Opera seria ist: eine anständige Rampe - im Cuvilliéstheater von Ulrike Schlemm zu einem veritablen Laufsteg erweitert, der über vier Stuhlreihen ins Parkett mittig hineinragt. Von hier meistens singen die Protagonisten den inneren Monolog ihrer Affekte - in eine imaginäre Leere hinaus, denn sie sprechen in erster Linie mit sich selbst, nicht mit einem personalen Gegenüber. Boysen verzichtet darauf, krampfhaft eines dazuzuerfinden, er vertraut auf die orphischen Qualitäten seiner Sänger, ihre Fähigkeit, emotionale Zustände musikalisch wahr werden zu lassen. </P><P>Furor der Verzierung</P><P>So treffen Wut, Rachedurst, Verzweiflung, Sehnsucht den in dem intimen Theaterraum schutzlos ausgelieferten Zuschauer in ihrer aufklärerisch geläuterten Reinform und mit elementarer Wucht. Keine Mozart'sche Vieldeutigkeit, keine doppelten Böden à la Verdi und doch alles andere als eindimensional im Furor der Verzierungen, der Exaltiertheit der Intervallsprünge. </P><P>Wenn Kobie van Rensburg als Catone mit präzisem, gut fundiertem Tenor innerlich gegen den Erzfeind Cesare aufbegehrt, dann erfüllt das Kondensat des Aufbegehrens vollständig den Raum. Wer eigentlich gegen wen, darauf kommt es bei solcher Affektfülle kaum noch an. Die Macht der Musik, die hier alles ahnen lässt: Verdienst einer sensibel-vitalen Interpretation ohne Ausfälle. Simone Schneiders und Sandra Moons historisierend schlank geführte Frauenstimmen in hellerer und dunklerer Variante, Florian Simson als Fulvio mit baritonal timbriertem Tenor, der unhysterisch-natürliche Counter von Johnny Maldonado als Arbace. In seiner Selbstbemitleidungsarie betörende Pianissimo-Töne, die die Neue Hofkapelle unter Christoph Hammer, im Rücken der Sänger in den terrassenartig aufsteigenden Bühnenhintergrund positioniert, in seidige Sordino-Klänge bettet. </P><P>Im Generalbass erklingt gelegentlich Absonderliches: Ist da nicht einmal der Anfang von "Solang der Alte Peter . . ." zu hören? Zarte Ironie schafft musikalisch, szenisch und in der sprachwitzigen Eindeutschung der übertitelten Rezitative den rechten Abstand von der pathetischen Intrige. Schade, dass der packende Abend nach der Pause dann doch ein bisschen durchhing - zwei, drei der qualitativ durchaus unterschiedlichen Arien weniger, und Cäsars aalglatter Abgang im barockisierend nach oben entfliegenden Luftgefährt wäre, visuell stark wie er war, auf noch wachere Sinne getroffen. Dass die Entdeckung in lediglich fünf Abenden naturgemäß nur ein kleines Publikum finden wird, bleibt dennoch zu bedauern, den Beteiligten aber zu wünschen, dass sie bei ihren musikalischen Gräbereien auch in Zukunft auf goldhaltiges Material stoßen werden.<BR></P>

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