Von der Würde der Menschen

Documenta 12: - Trotz Regens startete die documenta 12 am Samstag in Kassel erfolgreich. Nach einem ersten - eher sehr kritischen - Artikel folgt nun der zweite rundum erfreute.

Wer sich ins Abenteuer documenta 12 stürzen möchte - und man sollte das auf alle Fälle tun ­, der möge seinen Rundgang unbedingt in der Neuen Galerie beginnen. Dort in dem zu Nicht-documenta-Zeiten normal arbeitenden Museum gleitet der Betrachter sanft in die ansonsten doch sehr verwirrenden Assoziations-Turbulenzen von d12-Chef Roger M. Buergel und seiner Kuratorin Ruth Noack. Man kann hier in aller Ruhe trainieren, um dann der Fülle und bisweilen den Zumutungen von Fridericianum und Aue-Pavillon standzuhalten.

Die Neue Galerie bietet geheimnisvoll schummrige Räume, in märchenhaftes Blau getauchte Treppenhäuser, zierliche Kabinette mit zum Teil witzigen Zeichnungen oder Bildergeschichten, ob erfrischend naive wie von Annie Pootoogook (aus der kanadischen Arktis) oder den Comicstil raffiniert weitertreibende wie von Kerry James Marshall (USA).

Und dem Schönsten, Besten und Beeindruckendsten der Weltkunstschau begegnet man ebenfalls in der Neuen Galerie - aber nicht sofort. Erst im Obergeschoss zeigt uns James Coleman (Träger des Münchner Kunstpreises der Kulturstiftung der Stadtsparkasse) seine neue Video-Arbeit "Retake with Evidence" in einem weiten, durch eine Glasscheibe abgetrennten Saal. Die monumentale Projektion huldigt im Grunde nur der Kunst des Schauspielers - hier ein phänomenaler Harvey Keitel ­, der ewig gültige Menschheitsprobleme und -worte so sprechen kann, dass sie immer wieder mit Leben behaucht werden. Hören wir den von Schuldgefühlen und Staatssorgen zerquälten Ödipus, eine Shakespeare-Figur...? Eine Bühnenbild-Welle zeigt antike Ruinen, ein Pferde-Gespann taucht auf, verschwindet. Aber was zählt, ist der Schauspieler, sich leicht bewegend im mal weißen, mal dunklen Raum. Eine überwältigende Erfahrung von großer, weil weiser, bescheidener und nachdenklicher Kunst.

Argumentiert Coleman auf einer übergeordneten Ebene, so geht der Inder Amar Kanwar konkreter auf den Menschen und seine Lebensumstände zu. Dennoch bleibt seine Video-Installation, die viele Filme simultan an allen vier Wänden laufen lässt, nicht auf der Ebene Dokumentarfilm. Das Panoramaartige verflicht das Herrliche der Natur mit der Würde der Menschenantlitze, die Feinheit der Landschaft mit der Handwerklichkeit architektonischer Elemente - was übrigens bestens zur Gesamt-documenta passt. Aber Kanwar vergisst nie die Grausamkeit des Subkontinents. Er lässt die Opfer berichten, vom furchtbaren Leid, liest es aus ihren Augen.

Noch musealer geht‘s im wunderbar gelegenen Schloss Wilhelmshöhe zu (leicht zu erreichen mit Trambahn-Linie 1). Dort sind die alten Griechen genauso untergebracht wie Rubens und Co. Die d12 hat ihre Werke dazwischengeschmuggelt. Zunächst jedoch begegnet man vor dem Schloss den Bauern in den Reisfeldern von Sakarin Krue-On und im Park wie auch am Bahnhof Wilhelmshöhe Großfotos von Allen Sekula. Schlossausstattungsmäßig geriert sich Sonia Abián Rose (Argentinien). Sie hat einen zierlichen Spieltisch mit vielen herausziehbaren Tischplatten gebaut. Die üblichen barocken Sex-Übergriffe steigern sich von Schicht zu Schicht bis zur Bordellgewalt in den KZs. Dieses Kleinmöbel lehrt einen, die alten Bilder anders zu lesen: Rohheit und Brutalität zu sehen.

Fremdes und Verwandtes parallel denken will die d12. Im Museum Schloss Wilhelmshöhe sind deswegen alle extrem empfindlichen alten Werke, insbesondere der indischen, persischen, chinesischen Miniaturmalerei, untergebracht. Wunderschön dabei, wie sich in der Stil-Beeinflussung religiöse und kulturelle Haltungen annähern. Dass da auch der Schmerz nicht weit ist, schildert Danica Daki(´c). Vor der traumhaft exotischen El-Dorado-Kulisse aus dem Kasseler Tapeten-Museum suchen junge Migranten ihr Heimatgefühl.

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