Im Würgegriff der Gutmenschen

- Es beginnt mit einer unerhörten Stille. Mit kaum wahrnehmbaren Tönen, die sich im Verlauf des Abends zu kontrastierender Volksfestmusik steigern. Die richtige Stimmung für "Glaube Liebe Hoffnung". Und die einzige. "Ich lehne alles Parodistische ab", schrieb Ödön von Horváth (1901-1938) im Vorwort zu seinem Stück. 1932 hat er es in München verfasst, 1933 wollte es Heinz Hilpert am Deutschen Theater in Berlin herausbringen.

Daraus wurde nichts, weil die Nazis die Absetzung der Uraufführung erzwangen. Die erfolgte 1936 in einem Wiener Kellertheater.

In seiner schonungslosen, unsentimentalen, trockenen Analyse sozialer Abhängigkeit und Ausweglosigkeit zählt "Glaube Liebe Hoffnung" zum Besten, was die deutsche Dramatik zu bieten hat. Dazu kommt, dass es im momentanen Zustand unserer Hartz-IV-Republik kaum einen passenderen Text als diesen geben dürfte. Also ein Fall für die Münchner Kammerspiele, den Regisseur Stephan Kimmig jetzt teilweise bravourös löste.

Das eingangs zitierte Horváth-Edikt beachtete er dabei allerdings nicht. Denn außer bei der Hauptfigur Elisabeth setzt Kimmig auf Parodie und hat damit die Lacher auf seiner Seite. Er braucht für seine Inszenierung diese Momente der äußeren Komik, weil er dem Stück jeden anderen, formalen Halt genommen hat: keine Dekoration -­ kein möbliertes Zimmer, kein Wohlfahrtsamt, keine Polizeistation, kein Geschäftskontor. Die Aufführung ist ort- und zeitlos. Ein Nachteil. Denn dadurch verliert sie zum Ende hin immer mehr die zwingende Geschlossenheit, diesen Würgegriff jener selbsternannten Gutmenschen, die Elisabeth aus dem Wasser ziehen und noch einmal ins Leben zurückholen, um sie mit wohlfeilen Ratschlägen zurückzustoßen in dasselbe Jammertal, dem sie gerade entfliehen wollte.

"Kleiner Totentanz" überschrieb Horváth sein Stück. Und wie an einer langen Schnur geführt, lässt Stephan Kimmig seine Darsteller tänzeln -­ über die von Martin Zehetgruber geschaffene, imponierende Einheitsbühne aus hohen, klinisch farblosen Plastikvorhängen und einer unter Wasser stehenden Spielfläche. Dabei gelingen wunderkomische, kleine, kabarettartige Szenen. Wenn Wolfgang Pregler und Gundi Ellert als Amtsgerichtsrats-Paar nur mit wenigen Blicken und Gesten ein ganzes verkorkstes Eheleben auffächern; wenn André Jung hinreißend den verklemmten Präparator gibt und Stephan Bissmeier in seiner gewohnt monotonen Spielweise die bieder-gefährliche Beamtenseele des Oberinspektors aufscheinen lässt ­ dann hat die Aufführung ihre wirklich starken, ihre komischsten und zugleich abgründigsten Momente.

Andere Szenen dagegen bleiben an der parodistischen Oberfläche. Edmund Telgenkämper, der den Schupo Alfons spielt, ist hier kein bayerischer Polizist, sondern ein zugereister schwarzer Sheriff, als käme er aus einem ganz anderen Stück. Er passt auch schauspielerisch so gar nicht zu Brigitte Hobmeier.

Als Elisabeth ist sie der flirrende Mittelpunkt des Abends. Eine Idealbesetzung. Ein resolutes Münchner Mädchen, das sich trotzig und ihrer koketten Mittel bewusst zur Wehr setzt gegen den sozialen Abstieg; das laut ist, hart und berechnend; das kämpft und trotzdem untergeht und dabei doch nie dieses beseelende Strahlen verliert. Bis sie am Ende bäuchlings auf der Bühne im Wasser liegend wie ein sterbender Vogel ihr Leben ausjapst.

Auf längere Sicht dürfte dies der Abend der Brigitte Hobmeier werden. Bei der Premiere aber war noch der auf ihr lastende, gewaltige Erfolgsdruck zu spüren und ihrer Rolle eine gewisse Regiemechanik anzumerken. Am Ende großer Beifall.

Die Handlung

Elisabeth will in der Anatomie ihren Körper für 150 Mark verkaufen, um eine Strafe zu bezahlen, zu der sie verurteilt wurde, weil sie ohne Wandergewerbeschein, dessen Erwerb ebenfalls 150 Mark kostet, gearbeitet hat. Doch die Anatomie tätigt solche Geschäfte nicht. Aus dieser Misere hilft ihr kein Präparator heraus, der ihr das Geld spendiert, keine Frau Prantl, für die sie arbeitet, kein Schupo Alfons, der sie verlässt, weil sie ­- für ihn karriereschädlich -­ vorbestraft ist. Da bleibt nur der Weg ins Wasser, aus dem sie noch einmal herausgefischt wird.

Die Besetzung

Regie: Stephan Kimmig. Bühne: Martin Zehetgruber. Kostüme: Heide Kastler. Musik: Michael Verhovec. Darsteller: Brigitte Hobmeier (Elisabeth), Edmund Telgenkämper (Alfons Klostermeyer, ein Schupo), André Jung (Präparator), Stephan Bissmeier (Oberpräparator, Oberinspektor), Wolfgang Pregler (Baron, Amtsgerichtsrat, Vizepräparator), Gundi Ellert (Frau Amtsgerichtsrat), Michaela Steiger (Irene Prantl), Lena Lauzemis (Tochter Prantl, Maria), Peter Brombacher (Tierpfleger), Bernd Moss (Anatomieassistent, zweiter Schupo).

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