Vom Würschtl Lichtjahre entfernt

- Ein Straubinger Wirts-Ehepaar und seine zwei erwachsenen Kinder stellt Autor Jörg Graser in "Servus Kabul" vor. Das Stück um deren Hoffnungen auf einen geldigen Öl-Scheich beziehungsweise unterwürfige islamische Frauen hat morgen im Münchner Theater im Haus der Kunst Premiere (Staatsschauspiel). Die streikenden Arbeiter haben Regisseur Franz Xaver Kroetz guten Willen signalisiert. Präsent ist er, der am 25. Februar 60 Jahre alt wird, auch als Autor. Einmal mit seinem Erzählband "Blut & Bier", zum anderen ab Sommer mit seinem neuen Stück "Drücker", das im Marstall uraufgeführt wird.

"Servus Kabul" ist ein Zusammentreffen von Komödienstadl-Klamauk und scheinbaren islamischen Verheißungen.

Franz Xaver Kroetz: Das ist kracherter Komödienstadl, wobei man dem damit Unrecht tut, und zugleich spricht der Mohammedaner Jusuf fast schon ein Beckenbauer-Bairisch. Ich bin beim Dieter Dorn gesessen und hab' meine drei Einakter besprochen. Da hat er gesagt: Franz, magst net glei' was machen? Der Hube - er war angekündigt - hatte ja die Regie abgelehnt. Für mich persönlich war's ein Glück, so schnell ein Stück inszenieren zu können. Ich habe es mit Sympathie gelesen - diese schräge Eindimensionalität! Den Mut, so viele Klischees aufzutürmen, hab' ich bewundert. Deswegen machen wir's als Kasperltheater. Mir gfoit's.

Hat durch den Mohammed-Karikaturen-Streit dieses Stück eine andere Qualität gewonnen?

Kroetz: Die Szenen, die an Abu Graib erinnern, hab' ich rausgeschmissen. Das musst Du selber inszenieren, wenn die drinbleiben, habe ich dem Autor gesagt. Von Haus aus habe ich das Stück "ent-religioniert". Das sind keine Figuren wie von Fleißer oder Sperr und Bond, die aus Not einen Tabubruch, ein Sakrileg begehen; das ist eine ganz kalte, schlau konstruierte Chose. Deswegen werde ich die Religion nicht beleidigen. Schon vor dem Karikaturen-Streit habe ich alles Derartige rausgestrichen. Eigentlich können nur die Straubinger beleidigt sein: Und bei denen entschuldige ich mich hiermit.

Die westliche Religion in "Servus Kabul" ist Sex/Geld. Und die östliche, islamische? Setzt sie "heilige" Regeln?

Kroetz: Ich seh's, wie's im Stück steht. Es gibt keine Regeln. Es gibt kein Niederbayern. Die Figuren weisen nicht über sich hinaus. Wenn sie es täten, würden sie für etwas stehen. Aber sie stehen für nichts - außer für sich selbst.

Auch in Ihrem Buch raufen Jesus, Buddha und Mohammed im Traum des Erzählers miteinander, weil er gerade furchtbar unbequem reist. Dennoch gibt's eine menschliche, friedliche Lösung.

Kroetz: Ich saß wirklich in einem Zugabteil und neben mir ein Buddha-Mönch: Der hat mi vielleicht zambaazt! Am Ende, nach sechs, sieben Stunden Fahrt, hat er mir einen kleinen Buddha geschenkt. Da muss man einfach eine Geschichte schreiben.

Aber doch mit einer feinen Weisheit.

Kroetz: Ich bin an dem Punkt angelangt, wo ich sage: Jede Religion ist besser als der Zustand eines nihilistischen Kapitalismus, in dem wir leben. Wir sind jetzt in der Phase des echten Nihilismus - nicht des sprachlichen von früher - und beginnen unterzugehen.

Die arabische Welt hat meine vollste Sympathie. Es ist wunderbar, dass sie an Allah glauben und auf den westlichen Lebensstil pfeifen, dass sie ganz andere Vorstellungen, Utopien und Lebensentwürfe haben. Wie die Menschen bei uns kaputt gemacht werden: nicht nur ökonomisch! Es gibt auch die mentale Verblödung durch sturzdumme Fernsehprogramme, die sich aus dem Äther über uns ergießen und nur der Profitmaximierung dienen. Die Kinder verbringen mehr Zeit vor dem Fernseher als in der Schule, und wir überlassen sie Haifischen, die nur ans Geld denken.

Die meisten Erzählungen drehen sich um den "Dichter". Sie ziehen Ihre eigene Realität und die Fiktion sehr eng zusammen.

Kroetz: Nein, ich bin von dem "Dichter", diesem Würschtl, doch Lichtjahre entfernt. Die Geschichten wurden 1992 geschrieben. Ich habe damals mit meiner Frau und den beiden Töchtern eine lange Reise gemacht und mir vorgenommen, jeden Tag eine Kurzgeschichte zu schreiben. Das hat nicht ganz geklappt; viele sind auch schmarrig. Aber mit diesen jetzt bin ich glücklich. Ich habe sie vielen Verlagen angeboten, keiner wollte sie. Der Rotbuch Verlag, der dankenswerterweise meine Stücke herausgibt, hat gesagt: Herr Kroetz, ham's noch was. "Blut & Bier" steuert nun tatsächlich auf einen Achtungserfolg zu. Wer das Buch liest, weiß aber noch lange nicht alles über mich . . . Viele meinen, das Kroetzische ist, wenn's wallet, siedet und zischt - das ist aber nicht wahr.

Beim Schreiben war Ihnen doch klar, dass die Familie Kroetz-Relin immer in der Öffentlichkeit steht?

Kroetz: Das ist 13 Jahre her. Ich weiß nicht mehr, was ich mir damals gedacht habe. Aber "Kir Royal" war noch nahe und ich ein sehr bekannter Mensch - vielleicht hat's damit zu tun . . .

"Kroetz hat uns einen äußerst provokanten Text geschickt, dem wir uns stellen wollen." So hat Dieter Dorn Ihr neues Stück "Drücker" angekündigt. Der Verlag terminiert die Uraufführung auf Juni.

Kroetz: Drei uralte Frauen, jeweils im Rollstuhl sitzend, fädeln sich ins laufende Fernsehprogramm mit ihren Lebensgeschichten ein. Es ist die letzte halbe Stunde, bevor sie sterben. Außerdem sind da fünf Männer, die saufen, pinkeln, onanieren und nichts mehr schaffen. Der Text ist schon ganz schön hart . . .

Das Gespräch führte Simone Dattenberger

Franz Xaver Kroetz: "Blut & Bier. 15 ungewaschene Geschichten." Rotbuch Verlag, Hamburg, 155 Seiten; 16,90 Euro.

Lesung mit dem Autor, Sibylle Canonica u.a. am 22. Februar, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus.

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