Wüstenstücke zu verpachten

- Überwachungs- und Gefängnisstaaten, Kriegs- und Terrorismus-Maschinerie - hat das etwas mit Kunst zu tun? Es hat! Ab den 60er-Jahren wurde mit Fluxus-Bewegung und Konzeptkunst die Gesellschaft wachgerüttelt. Und heute? Zehn Initiativen aus Amerika führen vor, was nicht nur in ihrem Land an Wahrnehmung, Widerstand und Alternativen zum sozialen Missstand anzuregen ist.In Leipzig und Weimar wurden die Positionen gesammelt, in der Münchner lothringer 13/ halle stehen sie nun unter dem Titel "Get rid of yourself" (Werd' dich selbst los) zur Diskussion. Die Agitationen und Ideen sind trotz aller Einbauten und Aufbereitung nicht leicht konsumierbar, dafür aber engagiert, innovativ und durchaus amüsant.

<P>Temporary Services wartet mit einem Koffer voller Flugblätter als transportable Galerie für die Straße auf. Mit einfachsten Mitteln konstruiert auch der Gefängnisinsasse Angelo seine Erfindungen: Zeitungskleiderbügel, Plastiktütenkondome, Zahnbürsten-Tauchsieder. Das Projekt zeigt die Befindlichkeiten und Nöte einer Stadt, einer Gruppierung auf. Das in den USA übermächtige Thema Gefängnis beschäftigt auch Picture Projects & The 360 Degrees Team: Mit begehrten Bauprojekten, Zellen und Schicksalen hinterfragen sie anschaulich das Geschäft mit dem Vergehen und den Begriff Strafe. Davor Studien zu städtischen Überwachungskameras von New York City Surveillance Camera Players: Orwells "1984" ist längst Realität, die Gruppe bietet Entdeckungstouren zu den Kameras an.</P><P>Privatraum nötig? Das Cabinet Magazin, eine interaktive Zeitschrift, bietet Wüstenstücke zur Pacht an oder lässt Künstler auf sinnlosen Randstreifen in einer Stadt ihre Ideen ausarbeiten. 16 Beaver Group regt mit Gesprächsrunden die Kreativität an, die Bernadette Cooperation sucht im Dokumentarfilm zu den Protesten des G8-Gipfels in Genua die Verbindung zwischen Lifestyle und radikaler Szene. Stichwort Gewalt: Das Team um Anne-Marie Scheiner baute in ein brutales Anti-Terror-Spiel online Logos für den Frieden ein.</P><P>Michael Rackowitz steht mit seiner Idee, den Muezzin-Ruf über amerikanischen Großstadt-Dächern erschallen zu lassen, zwischen Provokation und Toleranz-Appell. Genau an jener Schwelle also, wo die Künstler ihr Publikum kriegen.</P><P>Bis 15. Februar. Tel. 089/448 69 61. Veranstaltungen auch im Internet: www.lothringer13.de</P>

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