Ein Wütender im "Zerstreuungsgebiet"

Zum Tod von Wolfgang Hilbig: - Mit dem sprachmächtigen Georg-Büchner-Preisträger Wolfgang Hilbig starb einer der bedeutendsten Dichter Deutschlands, auch wenn er meist "mit schwerer Hand" schrieb und nicht leicht zu lesen war, sodass er nie ganz aus seiner Außenseiterrolle heraustreten konnte.

Nach Angaben des S.Fischer Verlages erlag der Autor am Samstag in Berlin im Alter von 65 Jahren den Folgen eines schweren Krebsleidens. Als sein bekanntestes Werk gilt der 1993 erschienene Roman "Ich" über einen Lyriker, der als Spitzel für die Stasi arbeitet. Das Buch wurde von der Kritik als Gesellschaftsroman über das Ende der DDR und vor allem als "ein Fest für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur" gelobt.

Hilbig wurde am 31. August 1941 im Industriestädtchen Meuselwitz bei Leipzig geboren. Er wuchs in einer Bergarbeiterfamilie auf und nahm an Lyrikseminaren für die DDR-Arbeiterfestspiele teil. Die SED-Kulturbürokraten hätten mit dem nach Feierabend Gedichte schreibenden Werkzeugmacher und Heizer als "Arbeiterdichter" glücklich sein können, aber Hilbig schrieb keine "rosarote" Poesie über den "blühenden Arbeiter- und Bauernstaat", sondern an seinem Vorbild Kafka orientierte apokalyptische Alltagsbeobachtungen und Träume. "Es war zuweilen ein schweres Leben, aber er war ein großer Kämpfer, ein großer Mensch, der mit dem äußersten Einsatz seiner selbst alles ausgelotet hat manisch auf das Dichten hin", meint der Programmgeschäftsführer des S. Fischer Verlags, Jörg Bong.

Als im Westen 1979 der Lyrikband "Abwesenheit. Gedichte" mit 66 Gedichten aus den Jahren 1966 bis 1977 erschien, kam Hilbig einige Wochen in Untersuchungshaft und wurde zu einer Geldstrafe wegen angeblicher Devisenvergehen verurteilt. Nachdem sich Franz Fühmann für Hilbig eingesetzt hatte, erschien 1983 Lyrik und Prosa von Hilbig bei Reclam in Leipzig. 1985 übersiedelte Hilbig mit einem zunächst befristeten Schriftstellervisum in den Westen. Hier hatte es der Dichter "im westlichen Zerstreuungsgebiet" nicht gerade leicht. Mit viel Beifall wurde aber 1989 Hilbigs Romandebüt "Eine Übertragung" aufgenommen, 2000 erschien sein autobiografisches Werk "Das Provisorium".

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