Die Wunde eitert immer noch

- Eine Mutter liegt mit ihrem Kind auf einer Schlafliege mitten in freier Natur. Neben den beiden Taschen, Kartons, Tisch, zwei Stühle; dahinter blühen wilde Blumen, Büsche und Bäume führen den Blick zum Gebirge im Hintergrund. Ein hübscher schwarzer Bub sitzt vor uns, schaut mit ernsten Augen in die Kamera - hell nur seine Hose und die eingegipsten Arme. Bedrängend wälzt sich uns Müll entgegen, am Horizont erhebt sich elegant die Hochhaus-Silhouette, während sich eine Hütte in den Dreck duckt. Südafrika 1975, 1985 und heute.

<P>Im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses ist die erste Retrospektive des fotografischen Werks von David Goldblatt, "Fifty-One Years", zu sehen: 1948 bis 2002 (Konzept: Museu D'Art Contemporani de Barcelona, Corinne Diserens, Okwui Enwezor). Diese 51 Jahre Südafrika sind geprägt von einem einzigen Umstand, der Apartheid. Die Unterkunft der (oben erwähnten) Mutter wurde geschleift, weil sie in einem für Weiße reservierten Gebiet wohnte. Gnadenlos wurden diese Lebensraum-Privilegien durchgesetzt. Das erfuhr auch der junge Bursche, der sich wehrte und dem die Polizei beide Arme brach. Dass nach dem Ende des Terror-Systems - 1994 - die Wunde der Unmenschlichkeit weiterhin eitert, konstatiert Goldblatt mit seinen jüngsten Aufnahmen.</P><P>Als Weißer dokumentiert der Fotograf eine zerrissene Welt. Vielleicht ist sein Blick so scharf, weil er selbst aus einer verfolgten Gruppe stammt. Sein Großvater floh Ende des 19. Jahrhunderts wegen der Judenverfolgung aus Litauen. Goldblatt, 1930 geboren, wuchs in der Bergwerksstadt Randfontein bei Johannesburg auf. 1948 kam die National Party, die knallhart auf Rassenhass setzte, an die Macht. "Jo'burg" ist der Fixpunkt, auf den sich Goldblatts "fotografische Essays" beziehen. <BR><BR>An den Mauern des Kunstbaus entlang reihen sie sich zur langen, langen Zeile einer düsteren Geschichte. Die Wandfarben Grau, Weiß und Schwarz trennen die Serien und rhythmisieren zugleich die "Langstrecke". Schon die frühen Aufnahmen zeigen Goldblatts Hinwendung zu Menschen jeder Art - und seine stille Art. Er will weder die plakative Aussage noch den Knalleffekt, dennoch haben seine Bilder einen Effekt - einen, der dauerhaft anhält. Der Fotograf schildert außerdem immer die Ganzheit seiner zerklüfteten Welt. Die Arut, Bedrängtheit, Hoffnungslosigkeit in Soweto; dann den toten Wohlstand eines Farmers, die hohle Vergnügung einer Miss-Wahl, die Ödnis der weißen Vorstadt, kurz: die vielen, ebenso traurigen Gesichter der Rasse, die sich als die überlegene fühlte.<BR><BR>Die Ausstellung macht darüber hinaus sinnfällig, wie in David Goldblatts ›22uvre die Architektur immer mehr ins Zentrum rückt. Der Fotograf benutzt sie als Medium, das den Lebensentwurf oder das Zwangsleben der Menschen, seiner Mitbürger verkörpert: Büropalast in pseudo-victorianischem Kuschel-Kitsch, an der Straße davor das Wellblech-Provisorium eines Straßenverkäufers.<BR><BR>5. Juli bis 12. Oktober, Tel. 089/23 33 20 00. Katalog: 39 Euro.<BR></P>

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