Die Wunden der Söhne

- "Hier gibt es keine Gerechtigkeit, Dottore, sagte er und stellte erschrocken fest, dass er damit nicht nur diesen Mann und seine Familie meinte, sondern auch seine Stadt, sein Land und ihrer aller Leben." Den venezianischen Kriminaler Guido Brunetti, der den deutschen Lesern so sehr ans Herz gewachsen ist, belastet sein zwölfter Fall besonders.

<P>In der elitären Militärakademie auf der Giudecca-Insel wurde ein junger Bursche erhängt gefunden. Der scheinbare Selbstmord ist gewissermaßen der Scheinwerfer, der plötzlich und blendend grell nicht nur ins Dunkel gehüllte Vater-Sohn-Geschichten ausleuchtet, sondern die gleichermaßen vertuschte Situation einer mafiosen Gesellschaft. <BR><BR>Die Staatskasse: ein Selbstbedienungsladen</P><P>Die US-amerikanische Schriftstellerin Donna Leon, die schon seit Jahren in der Serenissima lebt, hat in all ihren Romanen mehr oder weniger deutlich Kritik am italienischen System geübt. In "Verschwiegene Kanäle" ist ihre - und Brunettis - Sicht noch schwärzer als sonst. Man kann zu Recht vermuten, dass das auch ein Reflex ist auf Berlusconis Regierungsstil: " . . . dass nämlich die Staatskasse ein Selbstbedienungsladen war und jedes öffentliche Amt ein Freibrief zur persönlichen Bereicherung." </P><P>Der Polizist verschafft sich und uns Lesern Aufklärung über ein widerliches Verbrechen, die Krimi-Genugtuung einer Bestrafung gesteht uns Donna Leon jedoch nicht zu. Die Grundstruktur aus Menschenverachtung, Lüge und Gewalt bleibt unangetastet, weil sie in den besten Kreisen verankert ist.<BR><BR>Der feine Militär-Nachwuchs ist denn auch nicht sonderlich erschüttert von Ernesto Moros Tod - oder schweigt eingeschüchtert. Diese Kälte, Dünkelhaftigkeit und Feigheit kontrastiert die Autorin wirklich bewegend mit dem Schmerz der Eltern des Toten. Wie sie überhaupt stets versucht, die Gefühle der Opfer nicht zu vernachlässigen. </P><P>Brunetti, entsetzt und als Vater selbst tief berührt von Ernestos Schicksal, stutzt, als ihm bewusst wird, dass dessen Vater Politiker war. Einer der wenigen, die als anständig galten. Recherchen ergeben: Moro trat blitzschnell von dem Posten in einem Parlamentsausschuss zurück, nachdem seine Frau bei einem Jagdunfall angeschossen wurde. Jagdunfall? </P><P>Mit Hilfe seiner Getreuen Vianello, Pucetti und der so schicken wie computer-schlauen Signorina Elettra tastet sich Brunetti an diese zerstörte Familie heran. Selbst nur noch seelischen Rückhalt findend in seiner heilen Familie - und ab und zu in der Schönheit der Stadt. Er erfährt gleich von drei furchtbaren Familien-Wunden: vom gewaltsamen Tod eines Sohns, weil der Vater unsaubere Geschäfte aufgedeckt hatte; von der Untat eines Sohns, der durch den Vater verführt wurde; und von einem Sohn, dessen Vater vor seinem Selbstmord die Mutter durch schwerste Kopfverletzungen verstümmelte. - "Hier gibt es keine Gerechtigkeit . . ."</P><P>Donna Leon: "Verschwiegene Kanäle. Commissario Brunettis zwölfter Fall". <BR>Aus dem Amerikanischen von Christa E. Seibicke. <BR>Diogenes Verlag, Zürich<BR>331 Seiten<BR>19,90 Euro. </P><P>Der Roman ist ab 28. April erhältlich.<BR></P><P><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> "Verschwiegene Kanäle" </P> </P>

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