Das Wunder blieb aus

- Reife Frau verliert viel jüngeren Geliebten an ein junges Mädchen. Ein klassisches Seelenschmerzthema, das Hugo von Hofmannsthal 1910 zu einer erotisch aufgeladenen, melancholisch sinnierenden "Komödie für Musik" inspirierte und Richard Strauss zu seinem "Rosenkavalier". Schon Edmund Gleede hatte während seiner Münchner Ballettdirektion die Idee, diese publikumsliebste aller Strauss-Opern vertanzen zu lassen.

Eine Strauss-Orchesterfassung, 1925 für Robert Wienes Stummfilm, war ja vorhanden. Scheiterte Gleede an den stets sehr schwierigen Strauss-Erben? Wie auch immer, jetzt, fast ein Vierteljahrhundert später, bekommt München doch noch eine Tanz-Version, allerdings Strauss-los. Der Australier Graeme Murphy entwarf "Die silberne Rose" zu einer Partitur seines Landsmannes Carl Vine (Nationaltheater).

Hatte man ein Wunder erhofft? Natürlich. Hoffen muss man immer. Aber die reale Sachlage war schon eine Vorwarnung: Murphy, sein eigener, viel beschäftigter Companychef, sollte für das ihm fremde Staatsballett ein abendfüllendes Ballett entwerfen, eines auf Spitze. Das hat er, keine Frage, in Roger Kirks ansprechend lichtem Art-Déco-Ambiente professionell gemacht, vom gekonnt gebauten, neoklassischen Pas de deux bis zur klar erzählten Handlung.

Die Uhr, drohender Mahner ablaufender Zeit, jagt in projizierter Vervielfältigung durch den Albtraum der Marschallin, die bei Murphy Schauspielerin ist. Gnadenlos, es zu sagen, aber schon hier im Vorspiel, noch unausweichlicher dann beim operettig hereinwuselnden Personal, dem Foto-Shooting und einem Oktavians Zofenröcken hinterher geilenden Ochs ist offenbar: Der Tanzschöpfer - daheim in Sydney doch ein Mann des Zeitgenössischen - hat für München eine choreographische Tonart angeschlagen, die man nur als "dé´modé´e" bezeichnen kann.

Das wäre nicht einmal schlimm, wenn, ja wenn, das Ballett eine größere Schrittdichte hätte, mehr Atmosphäre, mehr Gefühlsspannung. "Die silberne Rose" hat nicht die dramatische Fallhöhe von Crankos "Onegin" oder Neumeiers "Kameliendame". Dennoch wären mehr darstellerische Zwischentöne bei den Figuren möglich gewesen, mehr feine Kreuz- und Querverbindungen des Gefühls zwischen ihnen.

Komödiantisches Vakuum

Murphy ist bei der Zeichnung von Typen stehen geblieben, stellt auch kein gesellschaftliches Umfeld her. Ins komödiantische Vakuum forciert Cyril Pierre seinen exaltiert schrägen "Impresario" Baron Ochs. Komisch ist eigentlich hier niemand, schon gar nicht Lukas Slavicky im Zofengewand. Als Oktavian ist er jugendlich frisch. Und es gibt wohl zarte Momente zwischen ihm und Sherelle Charges dezenter Marschallin, gegen Ende auch einen sehr schönen Pas de trois der beiden mit der Sophie von Lucia Lacarra. Ihr Heraustreten aus einer lebensgroßen Satinrose - ein phänomenal jugendstiliger Effekt. Aber Lacarra, eine außergewöhnliche Ballerina, fast nur dekorativ einzusetzen, kommt einer Sünde gleich.

Auch das Ensemble mit nur einer Ballszene bleibt unausgelastet - und der Zuschauer hungrig. Wenn schon in der Zeit 100 Jahre zurück, dann richtig, mit vielen saftigen Divertissements. Die große Nationaltheaterbühne schreit nach spielerisch-tänzerischer Belebung. Und sowieso: Wer sich als Choreograph an diesen Opernstoff wagt, muss Text und Gesang mit Tanz aufwiegen.

In einem kleineren Theater wäre Murphys Ballett besser aufgehoben. Im Widerspruch dazu die Partitur, zusammengestellt aus dem spätromantisch gefärbten Oeuvre von Carl Vine, die eher für große Konzerthallen gemacht scheint. Mal "sitzt" sie gut, wie im Pas de trois für Oktavian, Ochs und Sophie oder im Schlagwerk-betonten Solo der Rosenübergabe, in dem Oktavian Sophie den Aufruhr seiner Gefühle offenbart. Meist jedoch sind es gewaltig bewegte Klangmassen, handwerklich exzellent, vom Staatsorchester unter Myron Romanul auch gut gespielt.

Aber es ist eine Musik, die oft den Tanz lärmig niederwalzt. Eine Musik, die nur selten ans Herz geht - wo es doch eine Herzensgeschichte ist. Ob die melodische Kraft der Tonsprache von Richard Strauss das erhoffte Wunder bewirkt hätte?

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