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Rio de Janeiro: Im Maracanã treten unter anderem die Clubs Flamengo und Fluminese gegen den Ball.

Bildband

Wunderbauten aus der Welt des Fußballs

Wut, Freude, Trauer: An kaum einem Ort liegen große Emotionen so nahe beieinander wie im Fußball-Stadion. Ein großartiger Bildband zeigt die Stadien selbst als Akteur – und erzählt Geschichten von Zuschauern, die vor Hütten sitzen, und Sauerstoff, der einfach nicht ankommen will.

Im Frühjahr 1982 empfängt Hansi Müller hohen Besuch. Der Stürmer des VfB Stuttgart wird in seiner Wohnung von feinen Herrn in edlen Designeranzügen und mit gescheitelten Frisuren besucht. Die Italiener wollen Müller nach Mailand locken, zu Inter, das damals zu den ganz Großen im europäischen Fußball gehört. Hansi Müller aber ist noch nicht überzeugt. Er denkt nach. Minutenlang. Bis sich die Herrn zunicken und ihren Aktenkoffer öffnen. Darin ist kein Vertrag, sie locken auch nicht mit Geld. Zum Vorschein kommt eine Marmorplatte, kaum größer als eine Tafel Schokolade. Die Männer streichen über eine kleine Stadion-Konstruktion. Die Marmorplatte glänzt, das Modell sieht trotz seiner Miniaturform mächtig aus, unzerstörbar. „Dort“, sagt schließlich einer der Männer und übergibt dem Deutschen das Modell, „dort, Hansi, wirst du spielen“. Hansi Müller unterschreibt einen Vertrag und wechselt. Vom VfB Stuttgart zu Inter Mailand. Vom Schwabenland in die große Welt. Vom Neckarstadion ins San Siro.

Die Anekdote mit Hansi Müller steht in einem großartigen Buch über die schönsten Fußball-Stadien der Welt. „Fußball-Wunder-Bauten“ heißt das Werk, das Andreas Bock und Benjamin Kuhlhoff, beide Redakteure der Fußball-Kultur-Fachzeitschrift „11 Freunde“, mit dem Architektur-Journalisten Alexander Gutzmer herausgegeben haben. Die Autoren sehen das Stadion als einen Akteur, als einen Teil des Spiels. Für Spieler kann ein bestimmtes Stadion wichtig sein. Für Fans ist es das fast immer. Das weiß jeder, der sich mit längst erwachsenen Fußball-Anhängern über den ersten Besuch einer Partie, oft an der Hand des Vaters, immer mit Erinnerungen fürs Leben an Gerüche, Geräusche und Emotionen, unterhalten hat. Als „Kultur- und Kultstätte“ wollte man die Stadien verstehen, schreiben die Autoren. „Als Schauplatz von Realhistorie.“ Und so nähern sie sich dem Phänomen dieser Orte, die sich alle zwei Wochen mit Menschen, Kraft und Emotionen füllen und nach wenigen Stunden wieder leerstehen, von ganz verschiedenen Seiten. Da erzählt die langjährige Chefkassiererin von Hertha BSC von ihrem Leben beim Fußball ohne einen Blick auf ihren Lieblings-Club erhaschen zu können. Da wird ein Spiel im Frauenbereich eines Istanbuler Stadions besucht. Und da wird mit Architekten gesprochen. Vor allem aber lebt das Buch von beeindruckenden Fotos, die die ganze Schönheit dieser Bauten zeigen. Etwa das Stadion des SC Braga in Portugal. Die eine Schmalseite des „Estado Municipal de Braga“ wird nicht von einer Zuschauertribüne gebildet, sondern von einer aus dem Monte Castro, Bragas höchsten Punkt, herausgeschlagenen Natursteinwand. Hinter einem Tor ist nur ein Fels – und die darin befestigte elektronische Anzeigetafel. Das ist spektakulär. Viel spektakulärer als die ehemals Westfalenstadion genannte Arena in Dortmund es in leerem Zustand ist. Von dort sind vor allem die Bilder von Spieltagen beeindruckend, dann, wenn mehr als 25 000 Menschen auf der größten Stehplatztribüne Europas, der „gelben Wand“, stehen. Für den deutschen Leser sind diese Bilder bekannt, ebenso wie die Einblicke in die Münchner Allianz Arena, die es als zweites deutsches Stadion in den Bildband geschafft hat. Das Umfeld der Arena nennt Architekt Jaques Herzog einen „Nicht-Ort“, eine „städtebauliche Leerstelle ohne wichtige Bezugspunkte“.

Wie anders doch viele alte Stadien waren! – und viele in England immer noch sind. Durch Straßen voll Backsteinhäusern pilgern hier am Wochenende tausende um die Ecke ins Stadion. Moritz Volz, der inzwischen beim TSV 1860 kickt, schwärmt im Buch über das Craven Cottage, das Stadion des FC Fulham in London, wo er jahrelang spielte. Am liebsten, verrät Volz, sitze er auf dem „Balkon der Hütte“, dort, wo Freunde und Verwandte der Spieler aufs Feld schauen (siehe Foto). „Ursprünglich, im 18. Jahrhundert, stand auf dem Gelände des Stadions ein Landhaus. Drumherum nichts als Wiesen, Wald und Wasser, die Themse. Es gab keinerlei Siedlungen. Irgendwann brannte die Jagdhütte ab und die Fläche lag brach. Die Stadt baute dann Ende des 19. Jahrhunderts das Craven Cottage. Allerdings vergaß man die Umkleidekabinen. Also errichtete man später eine Hütte im alten Stil.“ Das sind Geschichten, die die neuen Arenen nicht erzählen können, Star-Architekten hin oder her. Und so ist es natürlich auch ein nostalgisches Buch geworden, mit vielen Anekdoten von früher.

Dem Fußball-Fan mag die Architektur erst mal egal sein. Er liebt sein Stadion für all die Momente, die er dort erlebt hat. „Ich bin ein Fan vom alten Volkspark-Stadion“, sagt auch Autor und HSV-Fan Andreas Bock im Gespräch mit unserer Zeitung. „Dabei war es architektonisch ein Grauen, eine seelenlose Betonschüssel mit Tartanbahn.“ Diese Bahnen fallen ihm nach minutenlangem Überlegen dann auch auf die Frage ein, was an den neuen Arenen denn besser sei als an den alten Stadien. „Gut, dass sie weg sind.“ Gut findet Bock aber auch, dass die Stadien heute voller sind. „In den Neunzigern stand ich oft mit 10 000 in der 60 000-Mann-Schüssel.“ Und, dass man bei Hagel im Trockenen ist, sei „schon auch okay“. Trotzdem: Der Mythos der alten Stadien lebt, das weiß nicht nur manch alter 1860-Fan. „Dortmund, Fulham oder Liverpool – das ist toll, obwohl ich kein Fan dieser Mannschaften bin“, sagt Bock. „Es schwingt immer so ein Mythos mit: Wow, hier wurden Schlachten geschlagen.“

Nicht zuletzt stehen die neuen Stadien auch dafür, dass der Fußball sich geöffnet hat, vom Arbeitersport hin zur Erlebniswelt für die ganze Familie. Die Unterschiedlichkeit der Neckar-, Volkspark-, Olympiastadien, die unüberdachten, zugigen Stehplatzkurven, die Flutlichtmasten, die man schon von der Autobahn sah, all das ist dabei aber verschwunden. „Ob ich in Wolfsburg, Frankfurt oder Köln bin – irgendwie sieht das heute alles gleich aus“, sagt Bock.

Vom Stadion zur Arena: So hießen Fußballtempel früher

Vom Stadion zur Arena: So hießen Fußballtempel früher

In „Fußball-Wunder-Bauten“ hingegen sieht nichts gleich aus. Im Gegenteil: Wie unterschiedlich, wie schön, die Stadien rund um die Welt sind, die hier gezeigt werden, ist eine Augenweide. Und dazu werden richtig gute Geschichten erzählt – und manches überrascht. Etwa wenn Tote-Hosen-Sänger Campino, sonst nicht unbedingt für leise Töne bekannt, sagt, er würde ein Angebot, mit seiner Band an der Anfield Road in Liverpool zu spielen, ablehnen. „Das wäre schlichtweg eine Nummer zu groß“, sagt er voller Demut. Am Ende verbinden Fans wie Spieler mit den Stadien eben vor allem Momente großer Emotion. Wie in einer Kirche, findet Campino. „Während der Messe ist die Kirche voll, es gibt Gesänge, und die Besucher stehen beisammen, im Gefühl etwas Großem beizuwohnen.“

Das Größte für einen Fußballer ist vielleicht ein WM-Finale. Und so erinnert sich Ex-Nationaltorwart Toni Schumacher an das mit 2:3 verlorene Endspiel gegen Argentinien im Jahr 1986. Schuld waren, natürlich, die besonderen Bedingungen im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt. „Du atmest und atmest und atmest“, sagt Toni Schumacher. „Aber es kommt einfach kein Sauerstoff.“

Felix Müller

Andreas Bock/ Alexander Gutzmer/ Benjamin Kuhlhoff:

„Fußball-Wunder-Bauten“. Callwey-Verlag, München, 192 Seiten; 39,95 Euro.

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