Wundergebilde, Wolkenzüge, Weltkugel

- Kleine Spielstätte - aber großes Dance-Ereignis! In der Münchner Galerie der Künstler (Maximilianstr. 42) hob man ab in eine futuristische Sphäre, wo dingliche und virtuelle Welt ineinander fließen: "Glimpse", ein Wundergebilde, entstanden aus gegenseitiger Einfühlung dreier Künstler, des spanischen Tänzers Cesc Gelabert, seines Komponisten-Landsmannes Carlos Miranda und des renommierten Charles Atlas, u. a. Film/ Video-Dokumentator von Merce Cunningham und anderen Größen der US-Postmoderne.

<P>Hier ist Atlas ganz sein eigener Meister. Für seine virtuelle, ja nur zweidimensionale Welt klappt er eine Guckkastenbühne auf zur vierteiligen Projektions-Fläche, macht dort Gelabert zum "gläsernen Tänzer". Während Gelabert den Raum so exzellent erkundet mit Marionetten-Gestik, runden Armschwüngen und den bei ihm so charakteristischen Klassik-Schritten, folgt ihm synchron oder zeitversetzt sein Video-Double als gelenkig folgsame Animationsfigur: Tanz gleichsam im Röntgenbild, entmystifiziert bis auf das grüne geometrisierte Knochengerüst - und doch wieder paradox schön durch die Spiegelung -, den geheimen Dialog zwischen Original und Abbild. </P><P>Und dann über die "Video-Bühne" schwebende Äpfel, wirbelnder Zigarettenrauch, Wolkenzüge, sprudelnde Wasser, bestirnter Nachthimmel, die Weltkugel wie vom Satelliten aus gesehen: Gelaberts "Gedankentanz", den Atlas in immer fantastischere Bilder übersetzt. Bilder, die man, sicher auch durch die atmosphärisch genau abgestimmt dazuschwellende Musik, wie konkrete Räume zu betreten meint. Und wenn Gelabert über der Video-Wand den Schatten-Vorhang zuzieht, dann war es weit mehr als ein (laut Titel) "flüchtiger Anblick".</P><P>Michael Laub genießt den internationalen Ruhm, ein ganz spezielles Tanztheater zu machen. Nur allzu verständlich, dass Dance-Kuratorin Cornelia Albrecht endlich auch mal seine niederländische Remote Control Productions nach München holte. Vor allem, da sich Laubs "H. C. Andersen Project" - eine Hommage zum 200. Geburtstag des dänischen Dichters Andersen (1805-1875) - bestens in Albrechts verstärkt Literatur und Sprache einbeziehendes Konzept fügt. Und die Muffathalle ja auch ausverkauft. </P><P>Aber es ist eben doch nicht alles so grandios, wie vorab geprinted & gepriesen. Michael Laub bedient sich der altbekannten Strategie des Fragmentierens, Durchmixens und Neu-montierens. Hans Christian Andersen - der Arme, gut, dass er schon tot ist - wird also zerschnipselt in Tagebucheinträge, Anekdoten, Briefe und Auszüge aus seinem Werk, Märchen-Bruchstücke meist. Darunter wird noch mal der biografische Eischaum der fünf Darsteller gezogen: das Kleid, das der erste Freund am liebsten mochte. Dazu Italo-Schnulze und Augengeklimper. Die Jeans, die man waschen musste, weil der Lustpartner darauf gepinkelt hat und weitere urinale Träume. Alles hochinteressant . . .</P><P>Zwischen den Sprech-Passagen sturheil regelmäßig hingezappelte Duette - nur ja keine Ästhetik -, jeweils zu ohrenbetäubender Techno-Musik. Dafür sind dann die Texte, auf Englisch und Dänisch, nur schwer zu verstehen. Fazit aus diesem wirren und ja auch eine gute eitle Portion sich wiederholenden Bio-Geschnipsel: H. C. Andersen, unser Märchenerzähler-Idol, in Wahrheit ein Hurenbock? Und noch ein Fazit: Ob Profi-Prostituierte oder splitternacktes Gebarme vom armen "Mädchen mit den Schwefelhölzern", man ist jetzt endgültig bis obenhin abgefüttert mit solchen Tanztheater-Nümmerchen. </P><P>Wohltat dagegen "Chucks Zimmer" (Carl-Orff-Saal): eine wunderbar leichtfüßige Improvisation zu Texten aus dem gleichnamigen Gedichtband von Wolf Wondratschek, er selbst zu Beginn am Mikrofon. Vielleicht hätte es den Stimmkünstler Christian Reiner nicht gebraucht. Denn Julyen Hamilton bringt in Stille oder zu Richard Kochs dazu raunender Trompete ein ganzes Konzert von Bewegungen hervor, ist selbst Melodie, Phrase, Takt. Ist Sprache und Bedeutung. Ist einfach: auch ein "Clown Gottes". </P>

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