Als die Wunderkinder bauten

- "Architektur der Wunderkinder" - ein zu poetischer Titel für eine seriöse Ausstellung über Baukunst? Nein, sondern pointierter Hinweis darauf, dass hier nicht Architektur pur verhandelt, sondern anhand von Bauten die Geisteshaltung einer Epoche dargestellt wird. Ines Florschütz vom Architekturmuseum der Technischen Universität München hat sich jahrelang mit der Thematik "Bauen in den 50er-Jahren" beschäftigt und zusammen mit Museumschef Winfried Nerdinger die Schau in der Pinakothek der Moderne realisiert: eine der wichtigsten Expositionen in diesem Jahr. Mit rund 800 Exponaten die größte Präsentation, die das Architekturmuseum je entwickelt hat. Das meiste stammt aus den eigenen Depots, denn man hat vorausschauend die Nachlässe insbesondere der bayerischen Baumeister dieser Zeit gesammelt. In den Architektursälen der PDM entfaltet sich also sehr facettenreich, sehr gedrängt ein historisches Bild von "Aufbruch und Verdrängung in Bayern 1945- 1960".

<P>Belastung durch die NS-Ästhetik</P><P>Kurt Hoffmanns Film "Wir Wunderkinder" (17.2. zu sehen) mit Hansjörg Felmy und Robert Graf erzählt exemplarisch von einem, der in allen Systemen seinen Schnitt macht, und von dem anderen, der den Neuanfang will. Genau diese Haltung spiegelt sich im Bauen nach der Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg. Man will in der PDM eben nicht die x-te Schau bieten, die den Aufbruch ins Wirtschaftswunder schildert, man will vielmehr auch die Verdrängungsstrategien aufzeigen. Natürlich verwischen sich da durchaus die Grenzen. Wer munter moderne Häuser errichtete, ignorierte vielleicht die NS-Belastung der Ästhetik noch gründlicher als einer, der mühselig mit der Tradition der 40er-Jahre rang. Dazwischen lagen die existenziellen Bedürfnisse zunächst des schlichten Überlebens, später des endlich bequemen und sorglosen Genusses. <BR><BR>Zwei Großfotos zu Beginn der Ausstellung markieren diese Positionen: 1945 in der Augustenstraße. Schutt ist am Straßenrand aufgehäuft wie bei uns Schnee. Ein paar Münchner winken dem Ami-Panzer zu. 1960 in der Maxburg das Café´ "espresso", ganz in Glas aufgelöst die Wände; als verspieltes Element setzen  (Balkon-)Zierstangen Akzente. "Dolce Vita" zwischen Fräuleinwunder im Tellerrock und seriösem Herrn im Anzug. Man war wieder wer. Der Weg aus den Ruinen - die bayerischen Städte waren zu 50 bis 90 Prozent zerstört - führte über Konzepte, wie überhaupt mit der Vernichtung umgegangen werden solle: Verlegung der Stadt - "München am Starnberger See"? Grundsätzliche Umstrukturierung des urbanen Systems? Oder das Erhalten gewachsener Räume, wie es sich die Bürger wünschten?<BR><BR>Die Exposition illustriert mit Plänen und Modellen Überlegungen zur Stadtplanung, etwa wie der Marienplatz hätte ausschauen können. In solchen Konkretisierungen formen sich dann "Aufbruch und Verdrängung" aus. Lebenswichtig war der Bau von Wohnungen, Kindergärten, Schulen, Fabriken, Altersheimen et cetera; lebenswichtig war auch der Bau von Kirchen, Theatern oder Kinos. Genauso lebenswichtig war aber wohl die Rekonstruktion alter Bausubstanz. Deswegen sind viele 50er-Jahre-Gebäude gar nicht als solche zu erkennen: in München beispielsweise St. Peter, die Residenz, die Ludwigsstraße und so fort, in Augsburg die Fuggerei, in Nürnberg die Kaiserburg oder Rothenburg ob der Tauber. Man vergewisserte sich emotional einer "guten" Tradition, indem man sie wiederherstellte.<BR><BR>Interessant ist, dass auch die "schlechte" Tradition mitunter weitergeführt wurde. Man denke an den Herkulessaal, der die eher brachiale Protzigkeit des 30er-, 40er-Jahre-Stils variiert. Bei Repräsentationsbauten griff man auch gern auf gediegene Klassizität zurück (Bayerischen Landesbausparkasse am Karolinenplatz), inspiriert von der erdigen Moderne Skandinaviens. Die schönste, fröhlichste Seite der 50er-Jahre-Ästhetik, die allzu sehr in Nierentisch-Verruf gekommen ist, drückte sich aber in leichten, hellen, luftigen Gebäuden aus. Sep Ruf ist da stichwortartig zu nennen oder Werner Wirsing. Wohnungen, Schulen, Café´s, ja auch sakrale Räume sollten signalisieren: Demokratie. Also Freiheit, Offenheit, Toleranz. Und man erlaubte sich Verspieltheit, pochte nicht auf eine strenge Moderne à la Bauhaus oder Le Corbusier. Fensterfronten weiteten sich, zierlich untergliedert, flott rhythmisiert - im Idealfall. Natürlich gab es auch ödes Raster bei <BR>Massenbauten.<BR><BR>Münchens Blick in die Zukunft</P><P>All dies blättert sich in der Pinakothek der Moderne vor dem Besucher auf. Die Begleittexte informieren sehr gut, ohne dass man endlos lesen muss. Ausstellungsarchitekt Klaus-Jürgen Sembach hat für die eher kleinteiligen Objekte eine intime Raumabfolge gebaut. Eckpunkte bilden darin hohe Vitrinen mit roh belassenem Holz wie bei Gemüsekistln: Hier hat sich das kulturelle Ursubstrat abgelagert - von Böll bis Bauzeitschriften, von Camus bis Ruth Leuwerik, vom Mecki bis zum Kaffeeservice. Und da ist noch die putzige Isetta.<BR><BR>Sie symbolisiert den unbeschwerten Aufbruch - und die Verkehrsausstellung in München von 1953. Das Zukunfts-Ereignis, wie Winfried Nerdinger betont, lange vor der legendären Interbau in Berlin 1957. Das Messegelände an der Theresienwiese blühte auf. Futuristische Züge gab es zu bestaunen, Gondeln hoben einen in die Lüfte, Fahrzeuge aller Art träumten von Mobilität: Und es entstanden in dieser Stimmung wunderschöne Hallen. Fast hoben auch sie vom Erdboden ab.</P><P>Bis 30. April, Tel. 089/ 23 80 53 60; hervorragender Katalog: Pustet Verlag, 39 Euro im Museum, sonst 48 Euro.<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Kas mit Karoline
Das New Yorker Regieduo 600 Highwaymen versuchte sich im Auftrag der Salzburger Festspiele an Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“. Lesen Sie hier unsere …
Kas mit Karoline
Am 11. September 2017 startet der Münchner Krimi-Herbst!
Beim Münchner Krimi-Herbst des Internationalen Krimifestivals München lesen hochkarätige Krimi- und Thriller-Autoren aus aller Welt aus ihren Büchern.
Am 11. September 2017 startet der Münchner Krimi-Herbst!
Große Ehre für Mutter Zivilcourage der Bairischen Sprache
„Gscheid gfreid“ hat sich Martina Schwarzmann am Sonntag. Die Kabarettistin erhielt die „Bairische Sprachwurzel“. Damit wurde ihr Einsatz zur Rettung der Dialektvielfalt …
Große Ehre für Mutter Zivilcourage der Bairischen Sprache

Kommentare