Wundermomente

- In Nummer 31 brennen die Sicherungen durch. Oder der Mann im grauen Afro-Look hat, statt vom "freudenreichen Rebensaft" zu nippen, diverse Ecstasy eingeworfen. "Heida, heisa, hopsa", juchzt es als Turbo-Trip, und das Publikum in Berlins Philharmonie fasst vom Zuhören sanfter Schwindel.

<P>Haydns "Jahreszeiten" mit Simon Rattle, seinen Philharmonikern und dem RIAS-Kammerchor, das ist eben kein beschauliches Schlendern vom holden Lenz zum bleichen Winter, sondern eine Extrem-Ausleuchtung und -Ausdeutung der Partitur. Die verdutzt: Gab's die Bläser-Pointe, die Harmoniemischung eigentlich schon immer? Und: Wo kommt überhaupt diese Nebenstimme her?</P><P>Im Repertoire hat es jenes Oratorium noch immer schwer, belächelt doch die vereinigte Intellektualität zu gern Naturalismen, die Haydn eins zu eins in Musik wandelte. Aber springende Lämmer und schnüffelnde Köter interessieren Rattle nicht als äußerlicher (und damit verpuffender) Effekt, sondern als elegant platzierter Witz, als Klangfinesse. Selbst das Gewitter rast nicht plakativ, sondern zeugt von der genialen Instrumentierungskunst des Meisters, die in anderen Konzerten durch Al-fresco-Muskelspiele des Chores zugedeckt werden.</P><P>Frühlingsgefühle</P><P>So kam's, dass die Aufführung im ersten Teil, wo Sir Simon etwa mit flauschigsten Phrasierungen Frühlingsgefühle beschwor, etwas gepflegt, gedämpft tönte. Rattle, offenbar Haydns Humorverwandter, stand der Sinn nach subtiler Detailarbeit. Die Introduktionen zu Sommer/Herbst/Winter boten so nuancenreiche Wundermomente, oft hart an der Hörbarkeitsschwelle angesiedelt. Alles Absicht. Denn Rattle dachte das Werk vom Finale her, von jenen Passagen also, in denen der Lauf der Jahreszeiten mit der Lebensbahn gleichgesetzt wird. Der Eintritt des Doppelchores "in deines Reiches Herrlichkeit": ein überwältigender Augenblick, raffiniert und folgerichtig als Höhepunkt der bisherigen zweieinhalb Stunden kalkuliert. </P><P>Thomas Quasthoff und Ian Bostridge lieferten sich einen Wettstreit in Sachen Gestaltungskunst, den Quasthoff dank seiner starken Autorität, seiner souveränen Textdurchdringung für sich entschied. Bostridge neigte, wiewohl stimmlich in Ausnahmeform, zur Überpointierung, zur leichten Überzeichnung. Der Gegenpol: Christiane Oelze, die mit herzallerliebster Sopransüße den Part der Engelsgleichen übernahm. Standing Ovations, Wiederholung demnächst vor den Toren Münchens - bei den Salzburger Osterfestspielen. </P><P>14. und 19. April im Großen Festspielhaus Salzburg, Infos unter 0043/ 662/ 8045-361. <BR></P>

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