Die wundersame Geschichte eines Traumes

- Zwischen dem ersten Satz vom Mondlicht, das "auf das Fußende meines Bettes" fällt und dort "wie ein großer, heller, flacher Stein" liegt, und dem letzten von der Verwechslung des Hutes und davon, dass der falsche seinem Träger hoffentlich "keine Kopfschmerzen verursacht habe" - dazwischen liegen gut 300 Seiten Prosatext.

<P>Gemeint ist "Der Golem", der berühmte Roman Gustav Meyrinks (1868-1932), des schillernden Lebemanns und Autors, der sich für seine letzten 20 Jahre in Starnberg niedergelassen hatte.</P><P>In der Dramatisierung dieser Legende aus der Prager Judenstadt um den aus Lehm geschaffenen Menschen dauert es nur knapp drei Stunden - bis alle Verwirrungen entwirrt sind. Nämlich insofern, als am Ende schließlich klar ist, dass das Geheimnis des Lebens, die Irritation von Traum und Wirklichkeit, das Verhältnis von vorausschauender Ahnung und nachträglicher Gewissheit unerklärbar bleiben.</P><P>Es ist natürlich wieder einmal Jochen Schölch, der sich mit dieser Dramatisierung und Inszenierung jenseits ausgetretener Dramaturgiepfade begibt. Mag die Übertragung des Romans auf die Bühne zunächst auch spröde und schwierig erscheinen: Im Ganzen gesehen, ist Schölch eine Aufführung gelungen, die das "Wunder Metropol" auf fantasievollste Weise bestätigt. </P><P>Die Geschichte eines Traumes, der den Träumer ins jüdische Getto führt und dort als Athanasius Pernath in die sonderbaren Begebenheiten der changierenden Bewohner eines Hauses gerät. Darunter der geheimnisvoll weise Archivar Hille (von tiefer Wahrhaftigkeit: Bernhard Letitzky), die reine Mirjam (engelsgleich: Birthe Wolter), die sündige Angelina (von schöner Raffinesse: Lilly Forgách). </P><P>Doppelgesichtig sind sie alle, beherrscht von der unbeherrschbaren Erscheinung des Golem. Ihr zweites Ich, ihr Spiegelbild, ihr Unterbewusstsein, das sich dem formenden Zugriff der Vernunft entzieht? Das Stück gibt keine Antworten. Schölch und sein großartiger Hauptdarsteller Matthias Grundig stellen die in sprechende Bilder übersetzten Fragen - bunt, sinnlich, poetisch, klug. Grundig ist genau richtig als dieser staunende, kleine Herr Pernath, der wie aus der Ferne sich in seinem Spiel beobachtet - ob als Liebender oder, wenn er der körperlosen Puppe Hut und Mantel leiht, als Golem selbst.</P><P>Die Stimmung des jüdischen Prag zu Anfang des 20. Jahrhunderts fängt Schölch voller Wehmut ein. Einmal durch die Musiker und Mitspieler Stefan Noelle und Alex Haas, die mit Schlagzeug und Kontrabass dem Geschehen musikalisch Gestalt verleihen. Zum anderen durch die karge, nur mit einem multifunktionalen Wunderbett bestückte Bühne, deren Abschluss in einem Halbrund aufgestellte Figurinen bilden (Quint Buchholz). </P><P>Wenn nach einer Typhusepidemie das Getto "saniert" wird, werden sie auf die Szene geworfen, Angehörige identifizieren sie, Leichensammler tragen sie weg - und stellen sie wieder an ihren alten Platz. Nun allerdings mit dem Rücken zu uns. Wie jetzt überhaupt Schölch die Geschichte rückwärts laufen lässt - und damit doch in der Gegenwart ankommt.</P><P>Infos: 089/ 32 19 55 33.</P>

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