Junge Menschen und Natur waren für Philipp Otto Runge eines der wichtigsten Themen; hier das Gemälde „Die Hülsenbeckschen Kinder“ (1805/06).

Wundersame Natur in der Hypo-Kunsthalle

München - Die Münchner Hypo-Kunsthalle präsentiert einen Werküberblick zu dem großen Romantiker Philipp Otto Runge. Junge Menschen und Natur waren für Philipp Otto Runge eines der wichtigsten Themen.

Lieblichkeit und Härte, Naturhingabe und geometrisch korrektes Konstruieren - das sind die Kontraste, aus denen sich das Schaffen Philipp Otto Runges (1777-1810) auf wundersame Weise speist. Dieser „Kosmos Runge“ beweist, dass Aufklärung, Klassik und Romantik keine Gegensätze sind, sondern sich ergänzen. Er wird jetzt mit der Ausstellung „Kosmos Runge - Morgen der Romantik“ in der Hypo-Kunsthalle in seiner ganzen Fülle (25 Gemälde, 200 Zeichnungen, 50 Scherenschnitte) erstmals in München ausgebreitet. Runge, in Wolgast (damals im schwedischen Pommern) geboren, lebte und starb in Hamburg. Sein Œuvre wird von der dortigen Kunsthalle bewahrt und wurde zu seinem 200. Todesjahr zu einer Präsentation geformt, die so klug wie unprätentiös dem Meister und seinen Bildwelten dient (inklusive Farbenlehre und Maltechnik). Das hat für uns Münchner und Nicht-Runge-Verwöhnte den Vorteil, dass wir auf angenehme Weise - nämlich mit vielen Aha-Erlebnissen - diese Romantik-Legende kennenlernen dürfen.

Das funktioniert am Anfang des Rundgangs buchstäblich, denn dort zeigt sich uns Runge in einigen Selbstporträts. Mal noch ganz klassizistisch im Profil, dann in Denkerpose mit fragendem Blick, mal sich als Zeichner zeichnend und so lebhaft, dass keiner staunen würde, wenn ihn dieser Philipp Otto anspräche. So wie sich der Künstler seiner selbst vergewisserte, erarbeitete er sich sein Handwerk an den Akademien: „Training“ an Grafiken, antiken Abgüssen und zuletzt an lebenden Modellen. Runge erweist sich hier als tadelloser Könner - aber schon als eigener Kopf. Antikes nur wiederkäuen, das mag er nicht. Er sucht seine Kunst, die Natur als Vision und sicher nicht in ihren realen Phänomenen in den Mittelpunkt stellen will. Insbesondere Blumen und Kleinkinder sind die Sinnbilder für das Natur-Ideal. Um das Werk als Denkgebäude herauszustellen, entwickelt er neben dem üblichen Rahmen noch einen, der Teil des Bildes ist. Hier tummeln sich Pflanzen und Amoretten. Das Binnenbild korrespondiert stets mit der Rahmung.

So vorbereitet, findet der Betrachter einen guten Zugang zu Runges berühmtesten großformatigen Grafiken, den „Zeiten“, und davon ausgehend den Gemälden „Der Kleine Morgen“ und „Der Große Morgen“. Letzterer trägt in zerschnittenem und wieder zusammengefügtem Zustand deutliche Wunden. Gerade die Vorstudien und Konstruktionszeichnungen für diesen Komplex zeigen den Künstler als höchst akkurat und jede Kleinigkeit durchdenkend. Das Klischee vom Romantiker als weltfremdem Chaoten zerfällt hier in ein Nichts. Hervor kommt vielmehr ein - heute würde man sagen - Konzeptkünstler, der botanische Darstellung mit ornamentaler Ordnung (wie später der Jugendstil) kombiniert, damals moderne Naturphilosophie mit der alten Form der Allegorie, Religion mit typischen Signalen aus der Kunstgeschichte. Runge geht bei seinen Varianten der Tageszeiten-Blätter „Der Morgen“, „Der Tag“, „Der Abend“, „Die Nacht“ programmatisch kühl vor. Aber das darf einen nicht kümmern. Genießen sollte man vielmehr den träumerischen Charme, die erzählerische Vielfalt und auch den Detail-Spaß, die sich zusammen mit straffer Komposition in den Bildern finden lassen. Blümchen und Bobberl bloß belächeln, das sollte man nicht.

Zumal Kinder zu Philipp Otto Runges Zeiten erst „entdeckt“ wurden. Zuvor wurden sie meist als Zwischenwesen von Noch-Tier und kleinem Erwachsenen eingestuft. Der Maler jedoch nimmt die Kleinen wahr als Menschen in einer bestimmten Entwicklungsphase. Das entspricht seinem Naturverständnis von Werden-Vergehen-Werden. Innig kindgerecht ist das Gemälde „Die kleine Perthes“. Das Mäderl steht auf einem Stuhl, hat wohl zum Fenster auf die Uferlandschaft geschaut, blickt nun jedoch dem Betrachter in die Augen. Eine berührende Begegnung über 205 Jahre hinweg. Berühmter ist das Bild „Die Hülsenbeckschen Kinder“. Drei Geschwister direkt im Spiel. Die zwei Größeren ziehen das Kleine, das nach einer Sonnenblume greift, im Leiterwagen hinter sich her. Dahinter ein Gartenzaun. Unser Blick wird von ihm abgebremst, gleitet zum Hauseck und über die Wiese zur Ortschaft. Idylle pur - und doch umgibt die Kinder eine befremdliche Aura. Ihre Heiterkeit ist ebenso wenig frei wie die Natur, die durch den überraschend dominant gemalten Zaun domestiziert wird. Ein Werk voller Widersprüche wie Philipp Otto Runge selbst.

Bis 4. September

täglich 10-20 Uhr, Katalog, Hirmer Verlag: 29 Euro; Führungen/ Vorträge: Telefon 089/ 22 44 12; Kino Isabella: der Film „Kosmos Runge“ am 15. Mai, 11 Uhr.

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