Hans Söllner.

Hans Söllner

Der wundersame Wutsinger

Hans Söllner, Bayerns singender Ober-Rebell, hat eine neue CD. Sie heißt „Sososo“. Und: Sie ist gschert, wütend, traurig. Kurzum: ein Erlebnis. Ein Plattengespräch – mit Fischsuppe, arg kuriosen Geschichten von Staatsanwälten und einem plötzlichen Geniestreich.

Der wundervollste Wutanfall des Jahres dauert sechs Minuten und zwei Sekunden. Er befindet sich auf Hans Söllners neuer Platte „Sososo“, Lied fünf, Titel „Ihr seids alle gleich“. Der Wutanfall geht so: „Ihr seids Belüger und Betrüger und Verbieger.“

Und auch so: „Ihr seids die Brüssler Hosenbiesler und die Griechenlandretter.“

Und immer weiter drauf: „Ihr seid die auf die Ferienwarter, ihr seids Lehrer, ihr seids die meinungslosen Nirgendsdazughörer.“

Und dann, noch vieeeeel grantiger: „He, Alter, geh ned so nah her, weil i dir sonst a Gscheite betonier’!“

Prost, Rebell! Merkur-Redakteur Stefan Sessler (re.) mit Hans Söllner und Eva Mair-Holmes von der Plattenfirma Trikont.

Ja, da hat sich was aufgestaut. Der Söllner Hans, Bayerns ewiger Rebell und Marihuanabam-Besinger und Eh-Nix-Gefallenlasser, ist kein Stück nachsichtiger geworden. Was nervt, muss raus, muss gesungen werden. War bei ihm schon immer so. Altersmilde ist in seinem Genpool nicht angelegt. Für manche ist dieser Halunke aus dem Berchtesgadener Land inzwischen ein dauergrantelndes Nationalheiligtum, für andere noch immer eines der größten Ärgernisse unterm weiß-blauen Himmel.

Grad sitzt dieser Hans Söllner, 56, bei „Fisch Witte“ am Viktualienmarkt in München, tintenfischessend und später auch noch fischsuppenessend. Weil: Der Söllner Hans, der hat heute gute Laune und großen Hunger. Eine Anekdote nach der anderen haut er zwischen ein paar Gabeln Fisch raus. Zum Beispiel die mit den Postkarten: Ein Staatsanwalt hat ihm in den letzten Jahren immer wieder zugesetzt und ihn wegen allerlei Beleidigungen angeklagt. „Seitdem schick’ ich ihm immer Postkarten in die Dienststelle.“ Damit er sich auf ewig an seinen Rivalen erinnert. Typischer Söllner-Humor, schwer gschert und unberechenbar.

Oder die mit dem Wecker: „Es gab eine Zeit, da habe ich mir den immer auf 7 Uhr in der Früh gestellt“, erzählt er. Dann hat er der Welt und dem Leben gedankt, dass er noch nicht aufstehen muss, hat den Wecker wieder ausgestellt – und noch mal zwei Stunden geschlafen.

Oder die vom Jugendbetreuer aus Vorarlberg, der junge Leute schon seit Jahren nach ihren Lieblingsliedern fragt und der kürzlich bei Hans Söllner im Garten stand. Dort hat er einen Satz gesagt, der den Liedermacher umgehauen hat: „Jugendliche, die Söllner hören, sind weniger anfällig, was Übergriffe angeht.“ Das sei seine Erfahrung. „Die sagen eher mal: Stopp, so ned! Das, lieber Herr Söllner, wollte ich ihnen schon immer mal persönlich sagen.“

Söllner isst noch ein Stückerl gegrillten Tintenfisch, dann sagt er: „Da merke ich, dass ich wichtig bin, dass das, was ich mache, nicht ganz umsonst ist.“

So ein Essen mit Hans Söllner ist wie sein neues Album: eine Wundertüte, ein Erlebnis. Mal gspinnert, mal fröhlich, mal zum Heulen traurig. In seinem Song „Ganja“ schreibt er die Geschichte vom Brandner Kasper um. Der Tod klopft eines Tages an die Tür, Hans Söllner baut sich allerdings noch einen letzten Joint. Und: Der Tod, der raucht mit. Inzwischen sitzt er noch immer auf seiner Couch, weil er vergessen hat, was er eigentlich im Berchtesgadener Land wollte. Keine Frage – ein saukomisches Stück, auch völlig nüchtern.

Das letzte Lied der Platte („Allgäuer Mädel“) ist dann auch gleichzeitig das ferkeligste, das er je veröffentlicht hat. Da kommen Sachen vor, die man im Fischrestaurant lieber nicht bespricht. Lieber lassen wir den Liedermacher zum Abschied noch mal so eine richtige Söllner-Zeile basteln: „I bin koa Säufer und koa Kartler, i bin a Raucher und a Gartler.“ Ist ihm gerade spontan eingefallen. Und: Gefällt ihm auf Anhieb. „Vielleicht mach’ i a Liad drauß.“

Oh ja, bitte!

Stefan Sessler

Hans Söllner: „Sososo“ (Trikont).

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