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König Leontes endet als Wiedergeburtsfanatiker, in seiner Trauer um die Gattin streng bewacht von Paulina – Szene aus Christian Stückls „Wintermärchen“-Inszenierung mit Max Wagner und Barbara Romaner.

Wundertüte mit von allem etwas

München - Christian Stückl inszenierte am Volkstheater Shakespeares „Wintermärchen“ als Tragödie, Komödie und Romanze - lesen Sie hier die Premierenkritik.

Schnell ist klar: „PAPA IST BLÖD“. Der Filius schreibt’s mit blauer Fingerfarbe an die Terrassentür. Papa ist blöd, weil er seine Frau, die gerade das zweite Kind, sein Kind erwartet, beschuldigt, eine „Bettwälzerin“ zu sein und ihn mit seinem besten Freund zu betrügen. In seiner eifersüchtigen Raserei zerstört König Leontes blind sein Glück und verliert alle, die ihm wichtig sind. Ja, Papa ist blöd.

Es ist eine bittere Tragödie, die Shakespeare zu Beginn seines um 1610 uraufgeführten „Wintermärchens“ erzählt. Christian Stückl hat das selten gespielte, schwer zu packende Stück nun in seinem Münchner Volkstheater inszeniert; Premiere des zweidreiviertel Stunden langen Abends (eine Pause) war am Sonntag. Der Intendant, der gerade in unserer Zeitung angekündigt hat, seinen Vertrag als Volkstheater-Chef über das nächste Jahr hinaus verlängern zu wollen, hat einen überzeugenden und unterhaltsamen Zugriff auf dieses Zeit, Orte, Stile unbekümmert mischende, manierierte und mäandernde Drama gefunden.

Stückl nimmt Shakespeare ernst. Die Tragödie im Hause Leontes zeigt er als Tragödie. Geht’s in Böhmen dann derb, deftig und komisch weiter, gibt’s auch im Volkstheater krawallige Komödie. Das Märchen ist ein Märchen, die Romanze eine Romanze – all das gern im fliegenden Wechsel. Und lässt Shakespeare einen Bären auftreten, der den redlichen Antigonus frisst, tritt bei Stückl ein Bär auf, der den redlichen Antigonus frisst. Selbst die allegorische Figur der Zeit, mit der Shakespeare flugs 16 Jahre vergehen lässt, hat es auf die Bühne geschafft. Bei Lenja Schultze freilich wird sie zur sexy-schlagfertigen Braut auf High Heels und im Jogginganzug (sic!, trotzdem sexy), die sich zudem kümmert, dass alle Zuschauer bei dieser Von-allem-etwas-Wundertüte des Dichters durchblicken, und die auch den Hinweis auf die nächste Vorstellung des „Brandner Kaspar“ am 13. März nicht vergisst. Einfach herrlich.

Stefan Hageneier hat den Abend klug ausgestattet: Die Drehbühne erlaubt rasche Wechsel zwischen Sizilien (ein edel weißes Halbrund mit großzügigen Glastüren) und Böhmen (ein Drecksloch, in dessen Mitte steht und stottert eine alte Karre mit polnischem Kennzeichen). Auch die Inszenierung arbeitet die Unterschiede heraus. Das Eifersuchtsdrama im Hause Leontes hat Stückl mit statischer Strenge eingerichtet. Das Schurfest, bei dem die geheime Liebe zwischen der angeblichen Schäferstochter Perdita und Königssohn Florizel von dessen Vater entdeckt wird, ist grelle Grillparty, bei der nicht nur Gauner Autolycus über die Stränge schlägt.

Das junge Ensemble geht den vorgegebenen Weg durchs „Wintermärchen“ voller Spielfreude. Dabei glücken einige wirklich gute Momente. Max Wagner etwa, der als Leontes wortlos im Hintergrund steht und zuhört, wie Hermione seinen Gast und Freund Polixenes zum Bleiben überredet. In Wagners Gesicht ist da zu erleben, wie die Flamme der Eifersucht in seiner Figur zu züngeln beginnt, um dann verheerendes Inferno zu werden. Schade, dass ihm später der Umsturz vom eifersüchtig Wütenden zum bitter Bereuenden nicht ganz so überzeugend gelingt. Doch das ist nur eine kleine Schwäche – Wagner trägt diesen Abend entscheidend bis zum Schluss. Als zurückgezogen lebender Zausel und buddhistischer Wiedergeburtsfanatiker versucht er am Sarg der Gattin, diese ins Diesseits zurückzumeditieren.

In Pascal Fligg hat Wagner den idealen Widerpart, der auf Augenhöhe agiert. Fligg zeigt Polixenes mit geradezu antiquierter Noblesse – und kann dem Böhmenkönig deshalb Momente der Komik entlocken, ohne ihn lächerlich zu machen. Als Proll-Schäfer mit großer Klappe und ebensolchem Durst räumen Jean-Luc Bubert und Sohel Altan G. breit- und weitflächig Lacher ab. Slapstick und wildes Chargieren, Wortwitz und Zote – nicht alles zündet, die Gaudi aber bleibt. Der Volkstheater-Neuzugang Magdalena Wiedenhofer macht als Hermione neugierig auf weitere Auftritte. Sie zeigt die zu Unrecht beschuldigte Königin selbstbewusst, stolz und emanzipiert.

Da überrascht es nicht, dass Stückl am Ende Shakespeare doch misstraut und nach dem langen Winter der Gefühle von dessen märchenhaftem Ausgang nichts wissen will. Er verwehrt dem Königspaar die zweite Chance – zugunsten eines düsteren, starken Schlusses. Der jedoch sei hier nicht verraten.

Sehr herzlicher Applaus.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

heute sowie am 16., 17., 29. und 30. März; Telefon 089/ 523 46 55.

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