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Nahe der Perfektion: Das Damen-Trio (v. li.) Golda Schultz als Sophie, Sophie Koch als Octavian und Krassimira Stoyanova als Marschallin.

Salzburger Festspiele

Aus den Wunschträumen der Straussianer

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Salzburg - Bei den Salzburger Festspielen wurde „Der Rosenkavalier“ mit der Münchner Sängerin Golda Schultz wiederaufgenommen.

Das vierte Mal passiert dies heuer schon, nach „Troubadour“, „Norma“ und „Iphigenie“. Eine Zumutung, jedenfalls für diejenigen, die aufs Einmalige, auf Exklusivität pochen. Der Normalfall ist das dagegen für alle anderen, die sich mit Salzburgs Festspielgeschichte ein wenig auskennen. Wiederaufnahmen, die gehörten hier – bis auf die überhitzten Pereira-Jahre – immer dazu, manchmal (ein Extremfall der späten Karajan-Ära) bestritt man damit sogar fast ausschließlich die Sommerwochen. Opern-Werkstatt: Was sich Bayreuth auf die Wagner-Flagge schreibt, können die Salzburger also schon lang. Und manchmal tut dies, wie jetzt gerade dem „Rosenkavalier“ von Richard Strauss, ausgesprochen gut. Endlich hat die Überraschungsproduktion des Vorjahres auf allen Positionen Festspielformat erreicht – was Pech ist für die DVD, die wurde schon 2014 produziert.

Golda Schultz, Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper und schon mit „Figaro“-Gräfin, „Rheingold“-Freia, „Così“-Fiordiligi oder „Rosenkavalier“-Sophie betraut, singt Letztere im Großen Festspielhaus, als stehe sie seit Jahren im Festivalrampenlicht. Unerschrocken, selbstbewusst, auch im Reagieren auf die Partner, keine Sekunde befangen. Eine Sopranistin mit Star-Qualität, das umjubelte Debüt einer Vielversprechenden, wie es gerade Salzburg immer wieder braucht. Dass die Südafrikanerin auch anders kann, dass sie raumgreifende Töne strahlen lässt und dabei unterwegs ist zu großen Aufgaben, spürt man: Kein Hascherl ist ihre Sophie, obgleich sie Lyrismen mit feinen, weich gefassten, dunkel-silbrigen, auch in Extremlagen unangestrengten Klängen begegnet. Für diese geerdete Faninal-Tochter ist Baron Ochs womöglich nicht der erste Freiersfall – und Octavian womöglich nicht der letzte.

Mit Sophie Koch in der Titelrolle und Krassimira Stoyanova als Marschallin kommt es folglich zu einem Frauentrio nahe der Perfektion, auf jeden Fall aber aus den Wunschträumen der Straussianer. Die Monologe der Marschallin, so klug gestaltet, sind nicht tränenumflortes Selbstmitleid, sondern weise, leise Erkenntnisse. Bei der Rosenüberreichung, zu der die Wiener Philharmoniker ihren kostbarsten, edelmetalldurchwirkten Klangteppich ausbreiten, steht die Zeit still. Und im Finale schnurrt die Dimension des Hauses plötzlich zusammen – so, als ob sich die Musiker im Graben mit ihrem sichtlich hingerissenen Pultmann Franz Welser-Möst, zum Kammermusikabend getroffen hätten.

Ein bisserl weanerischer, schludriger tönt dieser „Rosenkavalier“ im zweiten Jahr, das wachsweiche, elastische, nie präpotente Musizieren ist aber geblieben. Günther Groissböck, der im Vorjahr als Ochs debütierte, ist nun freier, bewegt sich selbstverständlicher, riskiert auch ein Jonglieren mit der Rolle – und wird in der kurzen Szene mit dem jungen Tobias Kehrer als Polizeihauptmann etwas abgedrängt: Das dürfte der Ochs der nächsten Generation sein. Regisseur Harry Kupfer und Bühnenbildner Hans Schavernoch schildern in einsam postierten Kulissenzitaten das Stück als Begegnung Unbehauster. Dass Kupfer dabei mätzchenfrei erzählt und die Charaktere überscharf wie die prachtvollen Wien-Projektionen profiliert, kommt der Produktion anno 2015 erst recht zugute: Dieser „Rosenkavalier“ ist nicht modisch, sondern gültig.

Markus Thiel

Weitere Aufführungen

am 23., 26. und 28. August; Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

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