Wunsiedel bei Wind und Wetter

Wunsiedel - Den Schnee auf der Bühne könnte man fast für echt halten, so kalt ist es bei der Premiere von Heinz R. Ungers Volksstück "Zwölfeläuten" auf Deutschlands schönster und ältester Freilichtbühne, der Luisenburg in Wunsiedel.

Doch weder die Temperaturen noch die in diesem Sommer üblichen Regengüsse halten Zuschauer wie Künstler davon ab, der Luisenburg ihre Aufwartung zu machen. Intendant Michael Lerchenberg ruft, und alle, alle kommen.

1700 Plätze sind pro Vorstellung zu füllen, jeden Tag, freitags, samstags und sonntags wird dreimal täglich gespielt. Das Theater in Wunsiedel brummt. Jetzt schon konnten 131 000 Zuschauer gezählt werden, und die Saison geht immerhin bis zum 29. August. Zahlen, die weit über dem Durchschnitt voriger Jahre liegen. Was umso erstaunlicher ist, da heuer nicht gerade optimale Temperaturen für Freilichttheater herrschen.

Mit Decken, Wintermänteln, Schals und Kissen ausgestattet, pilgern die Menschen von nah und fern zu diesem überwältigenden Naturtheater. Als würde sie das gemeinsame Erleben nicht nur der Kunst, sondern auch des Wetters zu einer Trotzgemeinschaft zusammenschmieden. Es ist ein besonderer Spagat, den jeder Intendant von Wunsiedel zu leisten hat. So macht auch Lerchenberg Theater für ein Massenpublikum jeder Altersstufe. Wie gut das insgesamt funktioniert, ist immer wieder erstaunlich. Vier eigene Produktionen sind auch diesmal im Angebot. Mit dabei: "Der Räuber Hotzenplotz" als Kinderstück und - absoluter Kult - das Alpen-Rustikal "Der Watzmann ruft" von und mit seinem Herrn und Meister Wolfgang Ambros.

Als Erstes aber hatte ein Klassiker Premiere, Friedrich Schillers "Räuber". Ein Stück, das optimal auf die Felsenbühne passt. Es ist fantastisch: Kein einziger Schauspieler trägt hier Mikroport, jeder ist dennoch bis in die letzte Reihe zu verstehen. Die Akustik ist einmalig. Und sie transportiert mühelos die nicht ganz einfache Sprache des Stürmers und Drängers Schiller. Gerade darum hätte man der Regie Petra Wüllenwebers ein bisschen mehr Pfiff gewünscht. Wenn sich die Räuber bei der Befreiung Rollers von den höchsten Felsen herunter auf die Bühne abseilen oder mit ihren Benzinkanistern ein martialisches Trommelfeuer entfachen, geht zwar von dieser Demonstration der Stärke durchaus etwas Faszinierendes aus, fegt das aber nur für Momente die inszenierte Betulichkeit des Familiendramas um den alten Moor (Wolfram Kunkel), um die Söhne Karl (Dirk Lange) und Franz (Konstantin Bühler) und die schöne Amalia (Katharina Gebauer) weg.

Wer auf der Luisenburg als junger Schauspieler diese Bühne "füllt", der, so darf behauptet werden, vermag das auch auf jedem großen Staatstheater. So gesehen, dürfte von dem jungen, mit dem Rosenthal-Förderpreis ausgezeichneten Bühler noch einiges zu erwarten sein. Nicht nur als Franz Moor überzeugt er, indem er allein aus der Sprache heraus den Gestus der Figur entwickelt und den nötigen geistigen Raum um sich schafft. Ganz anders geartet ist die zweite Rolle, die Konstantin Bühler auf der Luisenburg spielt. Das ist der SS-Hauptsturmführer in der letzten Schauspiel-Premiere dieses Fichtelgebirgs-Festspielsommers, in "Zwölfeläuten" von Heinz R. Unger.

Michael Lerchenberg inszenierte diesen "Steirischen Schwank", der in den letzten Kriegstagen spielt und davon handelt, wie in einem kleinen Dorf die Bevölkerung beziehungsweise das, was von ihr noch übrig ist, die Kirchenglocke als kriegstaugliches Material vor dem Einschmelzen rettet. Eine groteske Notgemeinschaft, die nur dadurch zustande kommt, weil jeder von jedem etwas weiß, was er lieber nicht wissen sollte. So ist man sich plötzlich einig gegen die Nazis, so verpfeift man auch nicht die Partisanen im Dorf, so hält man sich schließlich wendehalsig sogar die einrückenden Russen vom Leib. Alles sehr komisch und sehr ernst zugleich. Eine Inszenierung wie mit leichter Hand in die Felsenbühne gemeißelt. Und ein glänzendes Ensemble mit Gerd Lohmeyer als vorgeblichem Dorftrottel und Totengräber Jogl an der Spitze sowie mit Adolf Adam als altem Dorfpfarrer.

Weitere Vorstellungen:

Schauspiel inklusive "Watzmann" bis zum 10. 8.; ab 14. 8. die Operette "Schwarzwaldmädel", ab 23. 8. die Oper "Tosca". Infos und Karten: Tel. 09232-602-162.

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