Um die Wurst

- Eine spannende Saison war es. Und mit dem Abschlussfestival "Stück für Stück zum Glück" macht der Münchner inkunst-Verein schon wieder Lust auf die nächste Spielzeit, die - man bedauert's - erst im Dezember beginnt. Zumindest die Glücks-Stücke von hierorts noch zu entdeckenden zeitgenössischen Autoren sind Freitag und Samstag nochmals im Theater Halle 7 zu sehen. Man muss Zeit mitbringen - aber die lohnt sich!

Satire-BissVier Stücke und eine Collage aus den Schriften Roland Barthes', das war natürlich nicht alles komplett inszeniert auf die Bühne zu bringen. Aber sogar die beiden szenischen Lesungen, rasant gesprochen, bereiten Sinnenvergnügen: "Um die Wurst" des Belgiers Jean-Marie Piemme ist ein zwischen einem belgischen und einem arabischen Metzger niederträchtig geführter Blutwurst-Krieg ums Spezialrezept, die Kundschaft und die fleischeslustigen Ehefrauen, der den von alltäglichem Rassismus geschürten knallharten Wettbewerb scharfzüngig auf den Punkt des hellsichtigen schwarzen Humors bringt.Humor satt auch bei der Holländerin Esther Gerritsen. Ihr Monolog über den selbst auferlegten, zugleich schizophren hinterfragten Fanatismus der Über-"Hausfrau" wird von drei Schauspielerinnen mit süffisantem Mitverschworenen-Charme zum infam satirischen Terzett moduliert. Des Dänen Kim Fupz Aakesons Western-Parodie "Cowboy, Cowboy" - nette Verschnaufpause vor Martin Heckmanns und Thomas Melles "Vier Millionen Türen", eine brillant zugespitzte Realsatire über den sich hochschaukelnden gegenseitigen Psycho-Terror von verzweifelten Job-Suchern: vier nacheinander ankommende Bewerber, die sich gegenseitig erniedrigen, denunzieren, Bündnisse schließen. Alle Härtetests und sadistischen Rollenspiele des ihnen bekannten Auswahlverfahrens exerzieren sie schon im Chef-Vorzimmer durch: hochspannend, direkt unter die Haut. Nadja Kruse, Maik van Epple, Ralph M. Küster und Martin Meißner spielen die darwinistischen Überlebenskämpfer scharf konturiert. Und Stefan Neugebauer (Einrichtung) empfiehlt sich als jemand, der Schauspielern nichts durchgehen lässt. Hier sitzen Sprache, Geste, Timing. Mit Barthes' Liebes-Philosophien treiben dann "Puck" Claus Peter Seifert und sein liebestolles Gefolge im Garten ein sommernächtlich heiter-verwirrendes Spiel.

Noch 22., 23.7., Tel. 089/ 53 29 78 29.

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