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Christian Thielemann: Der Star versteckt sich in seinem Buch ein wenig zu sehr hinter seinem Gott Wagner.

Wurstsalat mit Heavy Metal

München - Anekdoten und Analysen: Wir stellen Ihnen Christian Thielemanns Wagner-Buch vor.

Das hätte man gerne gesehen. Wie der kleine Christian mit roten Backen auf der Stuhlkante in der Berliner Philharmonie saß, von Mama und Papa flankiert, und Karajan bestaunte. Oder wie die Freunde vor der Haustür standen und zum Spielen riefen – aber nein, der Dreikäsehoch wollte noch Klavier üben. Oder eben eine Platte mit Wagner hören.

Heavy Metal, darunter verstand der Teenie damals und versteht der 53-Jährige heute vor allem eines: den Bayreuther Meister. Und das von Kindheit an. „Autismus“ nennt er diesen Zustand in seinem Wagner-Buch, „als Wundertier, halb als Aussätziger“ habe er seinerzeit gegolten. Vieles ist dieses Buch „Mein Leben mit Wagner“, das kurz vor dem Start des Komponistenjahres heute erscheint. 2013 wird Wagners 200. Geburtstag gefeiert. Der Band ist Bekenntniswerk und Opernführer. Er blickt hinter die Kulissen Bayreuths und des Dirigenten-, pardon: Kapellmeisterberufes. Vor allem aber ist er – im ersten Teil – eine verkappte Autobiografie.

Entstanden ist das Buch in Zusammenarbeit mit der „Zeit“-Redakteurin Christine Lemke-Matwey. In vielen Sitzungen nahm sie Ansichten und Erzählungen des Stars auf und destillierte daraus gut 300 Seiten im wunderbar direkten, unverschnörkelten Thielemann-Schnodder. Kein papiernes Gelehrten-Geschwätz ist das, doch mindestens genauso reflektiert. Und manchmal auch ein wenig idealisiert: Nie an seine Karriere, immer nur an Wagner habe Christian Thielemann gedacht – na ja.

Nicht nur an Experten richtet sich das Buch. Der Dirigent ist spürbar darauf aus, dass seine Richard-Begeisterung auch den Unkundigen ansteckt. Das dürfte gelingen. Thielemann schildert seinen Weg vom obsessiven Fan, der sich beim „Tristan“-Dirigat fiebrig verausgabt, bis zum reflektierenden Handwerker, der genau weiß um Strukturen und Mixturen, besonders aber darum, wie das alles in Bayreuths Graben realisiert werden muss. Dort, so gesteht er, habe er eigentlich erst dirigieren gelernt, dort sei er „erwachsen geworden“.

Handwerk. Das ist so ein Begriff, der Thielemann wichtiger als alles andere ist. Deshalb auch der Begriff „Kapellmeister“. Das ist nicht neu, aber in dieser Unbedingtheit wie in diesem Buch hat man es von ihm noch nicht vernommen. Orchesterdompteure, die sich am Pult hemmungslos ausleben und/oder „Interpretation“ über alles stellen, finden keine Gnade – klar, da hätte man gern Namen gelesen. Wohl aber die wissenden, ruhigen Kenner, die Dienstleister am Werk wie Horst Stein oder Heinrich Hollreiser und, ja auch Herbert von Karajan. Irgendwann möchte Thielemann das erreichen: mit nur wenigen Blicken und Gesten ein Orchester führen. Wie Knappertsbusch oder Wand, „die gar nichts mehr machen mussten“. Als „Wirkungsmagier“ habe der Komponist Emotion penibel dosiert: „Er wusste, dass ein Dauerorgasmus gar kein Orgasmus ist.“

Hübsche Anekdoten gibt es zu lesen wie die von den Essenseinladungen bei Wolfgang und Gudrun Wagner, wo immer nur Wurstsalat serviert wurde. Oder die, als der Festspielchef einst zu Zurechtweisungen in Thielemanns Garderobe erschien und dort auf einen frisch geduschten, nackten Dirigenten traf – was den Alten nicht sonderlich störte.

Doch von diesen Geschichtchen findet Thielemann immer wieder zur Geschichte. Auch zur braunen. Der Dirigent betont, wie unpolitisch (nicht nur) Wagners Musik sei. Seitenhiebe auf die 68er gibt es und auf manche Regisseure, übrigens auch auf Götz Friedrich, Intendant der Deutschen Oper Berlin und damit Partner und Sparringspartner des Chefdirigenten Thielemann.

Fast die Hälfte des Buches nimmt ein Führer zu Wagners Opern ein. Erhellend sind Thielemanns Erläuterungen zu den Partituren und zur Dramaturgie, zu den Kontrastwirkungen etwa beim „Lohengrin“ („Wie im Film! Dieser Hund.“). Die Inhaltsangaben sind im Vergleich dazu eher entbehrlich. Diesen Platz hätte man gern eingetauscht für mehr Details aus Thielemanns Vita. Für mehr Innenan- und einsichten eines Dirigenten, die nach dem ersten Drittel irgendwie versickern. Als ob sich der Star hinter seinem Gott verschanzt, auch so wirkt dieses Buch. Also warten. Auf Christian Thielemanns „echte“ Autobiografie.

Markus Thiel

Christian Thielemann:

„Mein Leben mit Wagner“. Unter Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey. C. H. Beck Verlag, München, 320 Seiten; 19,95 Euro.

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