Wuselwirbel in der Luft

- "Wenn ihr gegessen und getrunken habt, seid ihr wie neugeboren; seid stärker, mutiger, geschickter zu eurem Geschäft." - Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe irrte sicher nicht. Also ließ Rita Rottenwallner zum Auftakt ihres 9. Winter-Tollwoods mit "Gauklersonate - 2. Satz!" von den Meisterköchen Otto Koch und Rolf Waizenegger Tafelspitzsülze umkränzt von Berglinsensalat, Krenschaumsüppchen, gefüllte Poulardenbrust an Wirsingstreifen und Schokoladensoße-umflossenen Nusspalatschinken servieren.

<P>Während draußen auf der Münchner Theresienwiese das Buden- und Imbiss-Gewerbe vorweihnachtlich im Gange ist, herrscht drinnen im Amadeon-Zelt sympathisch gedämpfte Atmosphäre. "Biologisch zertifiziert" genährt, harrt auch Ministerpräsidenten-Gattin Karin Stoiber der nun zu erwartenden musikalischen und artistischen Genüsse - denn letztes Jahr war die "Gauklersonate" ein absolut verzauberndes Variété-Spektakel.<BR><BR>Beschwipste Lettern</P><P>Und heuer? Ganz so "high" wurde man diesmal nicht. War's nur der "Schon-gesehen"-Effekt? Oder hat es zwischen Wolfgang Staribachers Mozartband und Regisseur Alvaro Solar bei dieser Neuauflage (ist ja immer riskant) nicht so kreativ gefunkt? Es ziehen zwar Tierlein und Blümlein, Noten und in hüpfig beschwipsten Lettern auch Mozarts bekannt deftige Aussprüche über ein Projektions-Triptychon. Diese neu ausgedachte illusionistische Spielerei (Birgit Lang/ Jo Jacobs) ist gut gemeint, bewirkt aber weniger als das bunt schillernde Licht letztes Jahr. Und Pantomime-Meister René Bazinet durchschreitet unterbeschäftigt Statisten-brav die zweistöckige Szenerie. Als Amadeus könnte er uns eigentlich recht spaßig entertainen, die einzelnen Nummern in eine mozartisch gewitzte Geschichte einbinden.<BR><BR>Auch die blutjungen, wie eben nur mal von der Zirkusschule beurlaubten Artisten hätten ein bisschen mehr Inszenierung vertragen. Sie sind ja alle begabt und machen die tollsten Dinger: verschlungene Art-déco-Figuren am Trapez und Vertikal-Seil, auf dem Hochseil richtig hohe Ballett-Sprünge. Sie legen eine "Hand-auf-Hand"-Akrobatik als "Romeo und Julia"-Pas-de-deux auf die Bretter. Sie wuselwirbeln sogar zu dritt durch einen hochaufgehängten Luft-Kubus. Solar hatte mehr Tanz versprochen. Ist da. Auch mehr Poesie. Ist nicht da. Diese jungen Leute, ganz im postmodernen Understatement des blassen Unterwäsche-Looks - hier kein Strass, nicht mal ein Paillettchen -, führen die schwierigsten Figuren aus, aber so uneitel, so beiläufig, wie sich der zeitgenössische Tanz zu gerieren pflegt. Das heißt: eben auch mit so wenig Persönlichkeit. <BR><BR>Nur bei "Orféo" Martin Ihle, im Flamenco-Rhythmus und umschwirrt von kreisenden Seilen und Feuertöpfen, erkennt man den künftigen Magier. Ja, Zirkus und Variété, das ist Magie - das Wegheben aus dem grauen Alltag. Und manchmal - in "Patricks Trio" bestimmt - gelingt das Staribacher, vorwiegend am Akkordeon, und seinen unzweifelhaft exzellenten Musikern: wenn sie nicht gerade Mozarts Musiken (Sinfonie Nr. 1, 10 und 13, "Requiem", "Figaros Hochzeit", "Così" u. a.) allzu "soßig" und total lärmig ver-rocken und die Vokalisten Christian Wolf und Yasmina Piruz nicht allzu lang auf dem Arien-Italopop-Verschnitt verharren müssen.</P>

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