XX-Small-Format der Jugendkultur

- Werther lesen. Sich verlieren im Strom seiner Empfindungen. Im Reclamheftchen blättern. Die alten Bleistiftnotizen entziffern. Lesen: "Sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte _ Klopstock!" Mehr nicht. Sich überraschen lassen wollen. Der Regisseur Nicolas Stemann, der schon für Bochum aus Goethes "Tasso" eine Light-Version destilliert hat, zeigt in den Münchner Kammerspielen "Die Leiden des jungen Werthers" im XX-Small-Format der Jugendkultur.

Die einstündige Aufführung ist eine Auftragsarbeit für das Gostener Hoftheater Nürnbergs (2000). Von dort zog sie an das Schauspiel Hannover. Jetzt wurde das praktikable Monodram nach München herübergereicht. Und zu sehen ist das Schauspiel einer mutwilligen, lustvollen, kopflosen Zerstörung.<BR><BR>Auf einem Podest stehen ein Tisch und ein Stuhl. Im Hintergrund flimmert das Stuttgarter Reclamheft-Gelb als Über-Zeichen. Im Laufe des Abends verkommt es zum Alibi einer Performance um eine leere Mitte. Schnell wird aus Goethes Liebesroman ein Schundheftchen. Eine Videokamera projiziert den Schauspieler Philipp Hochmair überlebensgroß auf den rückwärtigen Screen. Eingefrorene Momente werden zu visuellen Ausrufezeichen, die der Titel "Werther!" ja schon angekündigt hatte. Als sein Kummer zur hohen Form aufläuft, fliegen Salatblätter und auf Lotte wird getrunken. Die Wirkungsmächte ringen um Vorherrschaft. Der begabte Philipp Hochmair hat das Nachsehen. Am Ende stiehlt ihm die poetische Dogma-Ästhetik der Kamera die Show. Eine einzige Ranschmeißerei an die vermeintlichen Seh-, Sprach- und Schmerzerfahrungen junger Menschen. <BR><BR>Auf einem der letzten Frankfurter Autorenforen für Kinder- und Jugendtheater hat Stemann seine Regieanweisung für dieses Zielgruppen-Theater verraten: "einfach ganz direkt, ohne große Metaebenen". Im Namen der Jugend: So eine klitzekleine Metaebene, die kann doch nicht schaden. <BR>Nach Hause kommen. Die Bilder des Abends vergessen wollen. Im Bücherschrank unter P wie Plenzdorf suchen. Mit Edgar Wibeau auf dem Klo das Reclamheft zerfleddern. Lieben und Leiden im Jargon der 70er-Jahre. Das hatte Niveau. <BR>

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