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Yannick Nézet-Séguin am Pult des BR-Symphonieorchesters im Großen Festspielhaus.

SALZBURGER FESTSPIELE

Yannick Nezet-Seguin und das BR-Symphonieorchester: Die Seitenspringer

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Yannick Nézet-Séguin verleiht Flügel: Als Einspringer für Mariss Jansons beschert er dem BR-Symphonieorchester in Salzburg einen Triumph.

Salzburg/München - Da hat der Sommer also doch noch sein Happy End gefunden – nach Absage des erneut kranken Chefdirigenten Mariss Jansons und fieberhafter Ersatzsuche für die Europatournee. Als Yannick Nézet-Séguin in London zur Probe vor das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks trat, gab es Johlen und Klatschen, das Ensemble hat den Augenblick per Video-Schnipsel über die Sozialen Netzwerke verbreitet. Was auch etwas ungalant ist gegenüber Susanna Mälkki, sie hatte immerhin die Konzerte in Riga und in Schleswig-Holstein gerettet.

Mit Nézet-Séguin, man spürt es, läuft die Sache anders, auf einer innigeren, vertrauteren Ebene. In der Londoner Royal Albert Hall bei den „Proms“, so schwärmen Musiker im Gespräch, sei in Schostakowitschs fünfter Symphonie Sagenhaftes geglückt. Nun, bei den Salzburger Festspielen, surfte man auf dieser Welle weiter. Für zwei Konzerte war das Ensemble am Wochenende dorthin gefahren.

Der 44-jährige Kanadier ist „papabile“

Auftritte mit dem Franko-Kanadier bekommen ja in vielfacher Hinsicht Bedeutung. Nézet-Séguin, Musikdirektor der New Yorker Metropolitan Opera, des Philadelphia Orchestra und des Orchestre Métropolitain in seiner Heimatstadt Montréal, wird derzeit fast automatisch für die wichtigsten Throne der Musikwelt gehandelt. Der 44-jährige, stilistisch so polyglotte Dirigent ist „papabile“. Und er hebt sich doch sehr ab von den Konkurrenten aus derselben Altersstufe wie Daniel Harding (43) oder Andris Nelsons (40): Nézet-Séguin vermittelt Musikern (und Publikum) jenes entscheidende Quäntchen Extra-Intensität, die nicht plan- oder probbar ist.

Etwas im Doppelsinne Unfass- und Ungreifbares kann hier passieren. Das ist nicht nur überbordende Emotion oder kluge strukturelle Durchdringung, sondern verbindet beides perfekt. Eben dies trennt herausragende Abende von „nur“ sehr guten: Mit Nézet-Séguin kann ein Orchester tatsächlich fliegen.

So beflügelt war auch Schostakowitschs fünfte Symphonie im Großen Festspielhaus zu erleben. Wo sich andere in hemdaufreißender Emphase ergehen, lässt Nézet-Séguin mit dem BR-Symphonieorchester viel mitschwingen: das Doppelbödige dieses Werks, ein stetes „Als ob“, das sich nur mühevoll mit Hyper-Emotion tarnt. Musterhaft, wie im Kopfsatz die allmähliche Strukturalisierung, die Verdichtung, auch das ständige Zurücksinken in einen eigentümlichen Lyrismus vorgeführt werden.

Extrem dann die Härten, das Grelle, Schroffe, der Trotz im Allegretto, auch die enorme Zuspitzung im Finale mit seinem Pseudo-Triumph. Am allerbesten jedoch gelingt das Largo: ein verblüffend geschlossener, sich immer wieder neu formender und formierender Organismus, aus dem sich berückende Soli erheben und wieder ins Tutti zurücksinken. Wie die Mitglieder des BR-Ensembles hier auf Nézet-Séguin eingehen, wie gemeinsam geatmet, gefühlt, agiert wird, das wird zum heißen, prickelnden Seitensprung mit dem Gast.

Die Musiker aus der Reserve gelockt

Ähnliches (mit kleinen Abstrichen) vor der Pause bei Beethovens Zweiter. Nézet-Séguin hat die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis im Hinterkopf. Doch es kommt nicht zur klingenden Vorlesung, sondern zu einer überrumpelnden, hochenergetischen, bis in Verästelungen differenzierten Deutung. Seinerzeit hat das Stück Beethovens Zeitgenossen nachhaltig verunsichert. Bei Nézet-Séguin spürt man, warum. Und man spürt auch, dass er etwas mehr Schnellkraft einfordert, als dies das BR-Symphonieorchester gewohnt ist. Wie er die Musiker aus der Reserve und ihrer Noblesse lockt – auch das ist spannend und amüsant zu beobachten. Heftiger Jubel und eine wie beruhigende Zugabe: das Vorspiel zu Mussorgskis Oper „Chowanschtschina“.

Bis Ende August wird in Salzburg die Reihe „Orchester zu Gast“ fortgesetzt. Beschlossen wird sie traditionell von den Berliner Philharmonikern. Die schauen mit ihrem dann frisch inthronisierten Chef Kirill Petrenko für zwei Abende vorbei. Und es ist gut möglich, dass die Edel-Truppe irgendwann begehrlich und vergeblich Richtung Nézet-Séguin schielen wird. Allein: Es gibt für ihn noch andere attraktive Posten in Mitteleuropa.

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