Yiyun Lis fatalistischer Roman "Die Sterblichen"

Yiyun Lis fatalistischer Roman „Die Sterblichen“ - eine gefräßige Revolution. Eine Buchkritik.

Ideologien verlangen Opfer, und weil Gu Shan eine leidenschaftliche und bedingungslose Kämpferin ist, wird sie Opfer gleich zweier gegensätzlicher Ideologien. Während der chinesischen Kulturrevolution in den Siebzigerjahren ist die junge Frau eine brutale Rotgardistin, die Jagd macht auf Regimegegner und rücksichtslos auf sie einschlägt. Dann plötzlich schließt sie sich den Konterrevolutionären an, wird verhaftet, gefoltert, in einer Denunziationszeremonie öffentlich vorgeführt und schließlich hingerichtet.

Um dieses zentrale Ereignis herum, das im Jahr 1979 in einem chinesischen Provinzort stattfindet, gruppiert Yiyun Li verschiedene Figuren. Kunstvoll verschränkt sie in ihrem Roman „Die Sterblichen“ ihre Geschichten miteinander. Alle bekommen sie in irgendeiner Weise mit den Folgen dieser Hinrichtung zu tun.

Yiyun Li: „Die Sterblichen“. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube. Hanser Verlag, München, 379 Seiten; 21,50 Euro.

Mit ihren Schicksalen werden auch die Lebensbedingungen im kleinstädtischen China vor 30 Jahren erzählt: die bittere Armut der meisten Familien, die Vernachlässigung der Kinder, das Aussetzen von per Geschlecht „minderwertigen“ Mädchen, die relative Schwachheit der Frauen gegenüber ihren alkoholkranken und gewalttätigen Männern, das Misstrauen der Menschen untereinander, die Angst, versehentlich auf die falsche Seite zu geraten. Und der durch nichts zu rechtfertigende Reichtum der Parteikader und ihrer Familien.

Bashi ist so ein privilegierter Sprössling eines Kriegshelden. Der Neunzehnjährige verlor früh den Vater, wuchs bei der Großmutter auf, und nun sorgt die Regierung für seinen Lebensunterhalt. Und weil Bashi wie die Made im Speck sitzt und sich den lieben langen Tag nur seinen Mitmenschen aufdrängt, mögen sie ihn auch nicht. Außer Nini. Die Zwölfjährige ist von Geburt an missgebildet. Ihre Mutter wurde während der Schwangerschaft von der wütenden Rotgardistin Gu Shan in den Bauch getreten. Was Ninis Eltern nicht davon abhält, ihre älteste Tochter als Dienstmädchen zu missbrauchen. Nini und Bashi – das ist die wunderlichste, aber schönste Geschichte unter diesen ständig wechselnden Erzählsträngen – verlieben sich ineinander. Glück ist ihnen dennoch nicht beschieden.

Ebenso wenig wie der vordergründig systemkonformen Nachrichtensprecherin Kai, die nach der Moderation jener Denunziationszeremonie alles hinwirft und ihre privilegierte Familie vor den Kopf stößt: Sie entscheidet sich für eine Bewegung, die sich „Mauer der Demokratie“ nennt. Unter den darauf folgenden Säuberungsaktionen müssen wiederum alle Romanfiguren leiden. Auch der kleine Tong, der seinen Vater versehentlich bei der Einheitspartei anschwärzt, oder die alten Hus, die ihr Leben lang verwaiste Mädchen aufgelesen und behütet haben, und schließlich die armen Gus, die geächteten Eltern der Hingerichteten. Er, Lehrer und nur im Verborgenen freiheitlich denkend, resümiert einmal: „Aber eine Revolution ist nichts anderes als eine systematische Methode, wie eine Spezies eine andere bei lebendigem Leib auffrisst.“

Die Revolution hat nicht nur seine Tochter gefressen. Vor einem fatalistischen Hintergrund entfaltet die seit Jahren in den USA lebende Yiyun Li diesen Kleinstadtkosmos, in dem sie die Ängste und Erlebnisse ihrer eigenen Kindheit im China der Siebzigerjahre aufscheinen lässt. Ein Buch, das nur bedingt Hoffnung macht, aber tiefen Einblick gibt in die historischen und gesellschaftlichen Entwicklungslinien dieses rätselhaften Riesenlandes.

von Christine Diller

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