+
Impressionen aus dem „You Act“-Schauspielkurs. Dieser findet einmal pro Woche statt, dauert 90 Minuten und kostet 65 Euro im Monat. Geschwister zahlen weniger.

Was dort gelehrt wird

"You Act": Ein Besuch an der Schauspielschule

München - Eine andere Form des Lernens: Zu Besuch bei „You Act“, der Münchner Schauspielschule für Kinder und Jugendliche.

„Zoo!“ „Woo!“ „Scha!“ Aus dem Raum in den Münchner Optimolwerken dringen gar merkwürdige Geräusche. Eben noch haben hier die Mädchen im Halbkreis gestanden, haben die Oberkörper hängen gelassen, mit den Becken gewackelt und die Arme geschüttelt. Jetzt zischeln, flüstern und rufen sie, reißen dabei die Augen auf oder recken die Hände über den Kopf. Immer wieder schielen sie zu ihrer Lehrerin, die ihnen die Übungen vormacht. Auf deren Kommando brüllen sie plötzlich „Go“, ihre Arme schießen wie zum Schlag nach vorne.

Impressionen aus dem „You Act“-Schauspielkurs. Dieser findet einmal pro Woche statt, dauert 90 Minuten und kostet 65 Euro im Monat. Geschwister zahlen weniger.

Berit Menze, die mit den elf- und zwölfjährigen Mädchen gewackelt, geschüttelt und gezischelt hat, unterrichtet nicht etwa eine besonders kreative Form von Kampfsport, sondern Schauspiel. Zusammen mit Elke Richly leitet sie „You Act“, eine Schauspielschule, an der sich an drei Münchner Standorten rund 100 Kinder und Jugendliche ausprobieren können. „Sie sollen hier eine andere Form des Lernens erfahren“, erklärt Menze. Anders als etwa im Schulunterricht stünden nicht die Ergebnisse im Vordergrund. Stattdessen gehe es darum, sich selbst und andere wahrzunehmen. „Die Kinder und Jugendlichen lernen sich selbst kennen, sie sind teamfähig und entwickeln Selbstbewusstsein“, erklärt die ausgebildete Schauspielerin.

Schauspielunterricht an regulären Schulen – ist das sinnvoll?

Impressionen aus dem „You Act“-Schauspielkurs. Dieser findet einmal pro Woche statt, dauert 90 Minuten und kostet 65 Euro im Monat. Geschwister zahlen weniger.

Angelika Speck-Hamdan vom Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität bestätigt, dass Schauspielunterricht Kindern und Jugendlichen wichtige Kompetenzen vermittelt: Sie würden lernen, frei vor anderen zu sprechen und sich in andere hineinzuversetzen, sie erweiterten ihren Wortschatz, trainierten ihr Gedächtnis und verbesserten ihre Aussprache. „Im Theaterspiel steckt unheimlich viel“, resümiert die Pädagogin. Sie fände es wünschenswert, wenn Schauspielunterricht auch an öffentlichen Schulen angeboten würde.

Promis als Namensgeber für Tiere und Pflanzen

Promis als Namensgeber für Tiere und Pflanzen

Zum Unterricht bei „You Act“ gehören etwa Stimm- und Körperübungen, Improvisationen und kurze Szenen, die die Kinder selbst entwickeln. Einmal im Jahr präsentieren die kleinen und großen Schauspieler dann ein Stück – auch das entwickeln die Kinder und Jugendlichen selbst. Worum es in diesen Inszenierungen geht? Um Liebe, Hoffnung, Vertrauen und Verrat. „Das ist großes Kino“, meint Elke Richly.

Das Spielen vor anderen ist immer eine Offenbarung

Zurück im hohen Altbausaal, glaubt man ihr gerne. Eines der Mädchen schreit gerade: „Du hast alles kaputtgemacht!“ – und schleudert die Arme in Richtung Boden. Jeder der anderen Schüler wiederholt diesen Satz und die Bewegung so genau wie möglich und gibt sie an den Nächsten in der Reihe weiter.

Schauspielerin Berit Menze, die unter anderem Ensemblemitglied der Münchner Schauburg war, leitet seit diesem Schuljahr die Schauspielschule „You Act“.

Danach steht Improvisation auf dem Programm. Diese Übung gefällt der zwölfjährigen Nathalie besonders gut: „Man weiß nie, was der andere sagen wird, und muss immer kontern“, sagt sie. Die Mädchen stellen Holzhocker in zwei Reihen gegenüber auf und schauen ihre Lehrerin Berit Menze erwartungsvoll an. Die gibt das grobe Szenario der Übung vor – was die Mädchen dann daraus machen, entscheiden sie selbst. Und zwar ziemlich spontan, denn Zeit zum Überlegen bleibt ihnen kaum. Die Reihe rechts soll heute Kundinnen spielen. Die links Friseurinnen, die diesen Kundinnen den Haarschopf ruiniert haben. Die Mädchen legen sich ins Zeug. Eine der Friseurinnen zieht die Augenbrauen hoch und fragt ihre Kundin mit zerknirschter Stimme: „Hätten Sie was dagegen, wenn’s ein bisschen kürzer geworden wäre?“ Ihr Gegenüber blickt in den imaginären Spiegel, springt auf, fasst sich an den Kopf und schreit wutentbrannt: „Nehmen Sie mir die Perücke ab!“ Die anderen beobachten die beiden und kichern. Nach jedem Pärchen fragt Menze die Mädchen, was ihnen an der Szene gut oder weniger gut gefallen hat.

Das Spielen vor den anderen ist immer eine kleine Offenbarung, ein „Ritt auf der Rasierklinge“, wie Richly sagt. Es sei deshalb wichtig, dass die anderen in der Gruppe einen vertrauensvollen Raum schafften, erklärt sie. „Dadurch, dass jeder mal vorspielt, sind aber alle solidarisch.“ Die Mädchen scheinen jedenfalls keine Scheu vor dem Vorspielen zu haben. Ganz im Gegenteil: Sie glucksen und tuscheln und brüllen, wenn’s verlangt ist, munter drauflos.

Weitere Informationen im Internet unter

www.you-act.de

Von Katharina Mutz

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Ein Generalintendant für Gasteig und Konzertsaal?
München - Ein Restaurant auf dem Dach, ein attraktiverer Eingangsbereich, eine Philharmonie, die ertüchtigt wird: So stellt sich Max Wagner den neuen Gasteig vor. Am …
Ein Generalintendant für Gasteig und Konzertsaal?
Das Münchner Volkstheater wird unbeschreiblich weiblich
München - Das Volkstheater lädt neun Inszenierungen zur 13. Auflage seines Regie-Festivals „Radikal jung“ nach München ein. Das erwartet die Besucher vom 28. April bis …
Das Münchner Volkstheater wird unbeschreiblich weiblich
Two Door Cinema Club: Die können wiederkommen
München - Am Donnerstagabend waren die Nordiren von Two Door Cinema Club in der Tonhalle in München. Sie wussten, was die Fans wollten. Eine Konzertkritik.
Two Door Cinema Club: Die können wiederkommen
Trauer um den bayerischen Welt-Bildhauer
München - Für das World Trade Center in New York schuf er die Skulptur „Sphäre“, im Münchner Olympiapark erinnert seine Arbeit „Klagebalken“ an die bei den Olympischen …
Trauer um den bayerischen Welt-Bildhauer

Kommentare