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Pianistin Yulianna Avdeeva beschränkt sich nicht auf einen Repertoirebereich.

Programm ihrer Solo-CD

Yulianna Avdeeva: Melodie als Seele der Musik

Die Wahlmünchnerin und gebürtige Russin Yulianna Avdeeva über das ungewöhnliche Programm ihrer Solo-CD.

München ist ihre Wahlheimat. „Der kulturelle Reichtum der Stadt, ihre drei großen Orchester, die vielen Konzerte, Ausstellungen, der Englische Garten, die Nähe zu Bergen und Seen – das alles hat für mich etwas sehr Inspirierendes. Und außerdem gibt es eine wunderschöne Chopin-Statue im Finanzgarten!“ Yulianna Avdeeva lächelt, denn Chopin spielt in ihrem Leben eine ganz besondere Rolle.

Als vierte Frau gewann die Moskauerin 2010 den renommierten Chopin-Wettbewerb in Warschau, bei dem Martha Argerich (Siegerin von 1965) in der Jury saß. Zwei Jahre lang hatte sich die damals 25-Jährige auf diese große Herausforderung vorbereitet. „Ich habe mich tief in Chopins Welt eingegraben, mich mit seiner Epoche, seinen Künstlerfreundschaften intensiv auseinandergesetzt und versucht, einen persönlichen Zugang zu ihm zu finden. Natürlich auch über Literatur und Malerei. Gemälde von Delacroix hängen übrigens auch hier in München…“ Selbstverständlich hatte die junge Russin Chopins Musik schon als Kind gespielt. Aber erst die intensive Vorbereitung für Warschau ließ sie ihr eigenes Bild des Komponisten erschaffen, von dem sie bis heute zehrt.

Kein Wunder, dass Chopin nun auch auf ihrer ersten, soeben erschienenen Solo-CD mit den 24 Préludes op. 28 vertreten ist. Chopin, Schubert und Prokofjew hat sie vereint und begegnet dem Stirnrunzeln ob dieser Auswahl mit gescheiten Erklärungen, die beweisen, dass sie ihre CD, wie auch ihre Konzertprogramme, durchaus dramaturgisch konzipiert. „Prokofjew hat sich als Pianist sehr intensiv mit Chopin und anderen Komponisten beschäftigt, und alte Aufnahmen beweisen, wie eigenwillig er als Interpret vorgegangen ist.“ Die Pianistin erzählt, dass ihr Landsmann, als er 1918 Russland verließ, zunächst in Japan Station machte und dort mehrere Konzerte gab. Dabei kombinierte er Werke von Chopin mit eigenen Miniaturen. Auch als er in Amerika ankam, musste er sich über das klassische Repertoire bekannt machen. Zu dieser Zeit fertigte er Transkriptionen von Schubert-Walzern.

Genau da hakt Yulianna Avdeeva ein: „Ich stelle Prokofjews siebte Sonate in den Mittelpunkt meiner CD. Sie dient für mich als Bindeglied.“ Und natürlich liefert die kluge Interpretin weitere Argumente: Prokofjew habe, wie der Poet Chopin und wie der mit seiner Kantabilität wuchernde Schubert, die Melodie als Seele der Musik und als ihre stärkste Ausdruckskraft empfunden. „Außerdem bedient sich auch Prokofjew immer wieder klarer, klassischer Strukturen. Es gibt also viele Gemeinsamkeiten…“ Zumindest auf CD können die Münchner der 29-Jährigen, die hier bisher nur einmal im Studiokonzert des Bayerischen Rundfunks live zu hören war, jetzt lauschen.

Im März 2015 tritt sie wieder mit einem Recital in der Reihe „Meisterpianisten“ in Stuttgart auf. Auch beim SWR-Orchester ist sie regelmäßig zu Gast. Und natürlich spielt sie in Tokio, New York, London, Rom und bei Festivals, wie dem ihres verehrten Kollegen Swjatoslaw Richter (1915 bis 1997) in Meslay (Touraine, Frankreich). Dort wurde auch ihre CD zum 50. Festival-Geburtstag realisiert. Ihre erste ist es allerdings nicht. Die entstand bereits vor zwei Jahren und führte die Pianistin in die Welt der historischen Aufführungspraxis. Nicht eben eine Domäne russischer Pianisten. Avdeeva lacht und erläutert, dass sie nach dem Besuch des Gnessin-Instituts in Moskau sechs Jahre lang in Zürich studierte. Dort lernte sie Deutsch, was die Pianistin als Voraussetzung auch für die Musiksprache eines Bach, Beethoven, Brahms oder Schubert betrachtet. „Um richtig phrasieren zu können, muss man die Sprachmelodie beherrschen. Auch in der Agogik spiegelt sich die Sprache wider“, betont die Interpretin.

Erste Erfahrungen mit historischer Aufführungspraxis machte sie ebenfalls in Zürich. „Neben meinem Hauptstudium bei Konstantin Scherbakov hatte ich Unterricht beim Cembalisten Johann Sonnleitner, der das Musizieren auf historischen Instrumenten für mich so spannend und fantasievoll machte, dass ich Chopin unbedingt auf einem Érard-Flügel probieren wollte.“ Begeistert berichtet sie vom Umgang mit dem ungewohnten Instrument, von anderer Pedalisierung und Artikulation. „Natürlich liebe ich meinen Steinway über alles, aber ein Ausflug in die Historie bereichert mein Spiel.“ So musizierte sie mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment und mit Frans Brüggens Orchester des 18. Jahrhunderts. Zusammen mit ihm spielte sie Chopins Klavierkonzerte auf dem historischen Érard-Flügel für CD ein und reiste mit ihm nach Japan. „Es war eine wunderbare Erfahrung.“

Yulianna Avdeeva kennt keine Repertoirebeschränkungen oder Berührungsängste. Sie spielt Bach ebenso wie Zeitgenössisches von Ligeti, Gubaidulina, Rihm oder dem jungen Japaner Fujikura. Und folgt auch darin ihrem großen Vorbild Swjatoslaw Richter, „der zu jedem Stil seinen Zugang fand“.

Yulianna Avdeeva:

Chopin, Préludes op. 28; Schubert, Drei Klavierstücke D. 946; Prokofjew, Klaviersonate Nr. 7 (Harmonia Mundi).

Von Gabriele Luster

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