Zärtliche Hingabe

- Wer sich Sonntagnachmittag zu Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium dem Gasteig über die Museumsbrücke näherte und an diesem kürzesten Tag des Jahres die Isar in den letzten Sonnenstrahlen gleißen sah, der mochte eine Ahnung bekommen von den Paradoxien des bevorstehenden Festes: hier der heidnische "Sol invictus", die unbesiegbare Sonne, dort das Kind in der Krippe: "Näher, niedriger, heimlicher kann kein Blick in die Höhe umgebrochen werden" (Ernst Bloch).

<P>Über die Wahrhaftigkeit solch dialektischer Spannungen legten der Münchener Bach-Chor und das Bach-Collegium München in ihrer Deutung beredt Zeugnis ab. Auch wenn sich über Einzelheiten der Interpretation streiten ließe, etwa über die oft breit ausgewalzten Ritardandi zu Satzschlüssen oder über die irritierenden Tempomodifikationen im "Ehre sei Gott": Diese Aufführung unter Leitung des kürzestfristig für den erkrankten Ralf Otto eingesprungenen Christian Kabitz überzeugte durch Professionalität und Musikalität.</P><P>Sensibel gesetzte Laut-Leise-Effekte sprachen in den Chorälen von der inneren Beteiligung der staunenden menschlichen Seele, Nummern wie der Schlusschor der ersten Kantate "Ach mein herzliebes Jesulein" wurden - ohne auftrumpfende Trompeten-Lautheit - Dokumente zärtlicher Hingabe.</P><P>Auch die Solisten trugen zu solch emotionaler Schlüssigkeit bei: Allen voran Gerhild Romberger, die mit gut fokussiertem, expressiv strömendem Alt ihre Arien zu Höhepunkten musikalischer Betrachtung machte, und der so kraftvoll wie artikuliert singende Bassist Thomas Bauer. Simone Nolds silbriger Sopran und der lyrisch schwingende Tenor von Hans Jörg Mammel setzten dazu schöne Kontraste, im Orchester waren rundum exzellente Instrumentalisten (etwa Florian Sonnleitner mit Bratschen-dunklem Violin-Nachsinnen) spannungsvoll präsent. Schlankes, exaktes Zusammenspiel der fünf Generalbass-Spieler legte dazu das nötige energetische Fundament.<BR><BR></P>

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