Die Zahl der Zuhörer ist gestiegen - Paul Müller, der neue Intendant der Münchner Philharmoniker, im Interview

München - Bei den Münchner Philharmonikern beruhigt sich die interne Situation. Nachdem man sich vom ungeliebten Intendanten Wouter Hoekstra getrennt hat, amtiert dort seit kurzem sein Nachfolger Paul Müller an der Seite von Generalmusikdirektor Christian Thielemann.

Müller, 1958 im Westfälischen geboren, studierte in Detmold und Hamburg, arbeitete beim Staatsorchester Frankfurt (Oder), beim NDR-Sinfonieorchester und zuletzt bei den Bamberger Symphonikern.

Wo liegt der gewaltigste Unterschied zwischen der Bamberger und der Münchner Situation?

Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt so einen gewaltigen gibt. Christian Thielemann vertritt hier einen klaren Repertoire-Schwerpunkt, dirigiert aber auch Zeitgenössisches. Und Jonathan Nott in Bamberg kommt eigentlich von der Modernen Musik, führt allerdings auch viel Standard-Repertoire auf.

Wie erfährt man, was das Publikum hören will?

In Bamberg haben wir zwei Abonnentenkonferenzen veranstaltet. Jonathan Nott und ich saßen auf der Bühne - und dann Feuer frei. Spannend war, dass allen im Publikum bewusst wurde, wie viele unterschiedliche Meinungen es zum Thema Repertoire gibt. Während die einen nur Tradition wollten, forderten die anderen Ungewöhnliches. Was folglich heißt: Wir müssen wirklich alle Musikbereiche bedienen.

Thielemann sagte aber einmal, er habe die klassische Konzertstruktur mit Ouvertüre - Solistenkonzert - Symphonie recht gern. Und, wie die Abo-Steigerungen zeigten, das Publikum auch.

Es handelt sich dabei ja auch um eine über lange Zeit entwickelte und erhaltene Struktur. Sie hat sich bewährt, und dafür gibt es gute Gründe. Alles hängt aber letztlich vom Inhalt des Repertoires ab, nicht von seiner Struktur.

Bei den Münchner Philharmonikern haben Sie einen Vorteil: Im Unterschied zu vielen anderen Ensembles gibt es ein gut vermarktbares, in diesem Fall deutschromantisches Image.

Das stimmt. Diese starke Identität, die von früheren Generalmusikdirektoren geprägt wurde, ist einzigartig. Davor habe ich allerhöchsten Respekt, das ist auch mit der Grund, weshalb ich mich auf die Münchner Aufgabe gefreut habe.

Es wird ja gern geunkt, in fünfzehn Jahren sei das klassische Abo-System kaputt. Was glauben Sie?

Die Zahl der Zuhörer ist in den letzten Jahren eher gestiegen - das Angebot allerdings auch. Und das, wie hier in München, in überproportionalem Maße. Natürlich gibt es Problemzonen. Zum Beispiel wenn ich mir die Altersstruktur der Konzertbesucher anschaue. Wohl auch, weil im Bildungsbereich gravierende Unterschiede zu früher feststellbar sind. Es ist nicht sehr einfach, den Jungen klarzumachen, warum sie unbedingt klassische Musik brauchen. Wichtig ist, ihnen zu vermitteln, wie faszinierend ein Live-Erlebnis sein kann.

Möglich ist - und auch manchmal so praktiziert -, dass sich die Stars selbst ans Publikum wenden. Ein kleiner Schritt mit einem großen Effekt.

Wir müssen sicher einen gewissen Abstandseffekt ausräumen. Diese Aktionen halte ich für sehr wirksam. Allerdings frage ich mich manchmal auch, ob man den Einzelnen unbedingt leiten und sein eigenes, persönliches Erleben damit quasi steuern muss.

Und wie steht es um Marketingkampagnen? Die Klassik benutzt ja derzeit Instrumente der Pop- und Rock-Musik.

Es ist eine hohe Kunst, immer nur das zu tun, was wirklich der Ästhetik unseres Angebots entspricht. Viele Methoden sind hier nicht angemessen. Schließlich können wir nur Substanz vermarkten.

Was gibt es bei den Philharmonikern zu tun?

Ich bin hierhergekommen mit dem Gefühl: Die spielen auf einem Top-Niveau, und der Laden läuft - auch wenn es in einzelnen wenigen Fällen Handlungsbedarf gibt.

Momentan scheint es schwieriger zu sein, einen Orchestermanager als einen Chefdirigenten zu finden. Warum eigentlich?

So eine Aussage will ich nicht unterschreiben. Die Tätigkeit ist gewiss nicht ganz einfach, weil man sich zwischen Orchester, Verwaltung und Chefdirigent bewegt. Dazu kommt der gesamte finanzielle Bereich und so fort. Ich bin da manchmal naiv wie ein kleiner Junge: Ich kucke mir erst mal alles von innen an - und handle dann.

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