Zartbittere Harmonik

- Ein hohes Ziel hatte sich Leos Janácek gesteckt: "Ich will den Leuten einfach zeigen, wie man mit dem Herrgott spricht." Mit Fanfarengepränge? Mit martialischen Paukenrhythmen? Aber die "Glagolitische Messe", ein Spätwerk des Meisters, ist weniger religiöses Bekenntnis, vielmehr national-tschechisches Manifest.

Und eine Ahnung davon vermittelte auch Christian Armings Dirigat bei den Münchner Philharmonikern im Gasteig, wurden doch Einleitung und Ausklang mit dem gebührenden Blechpanzer, auch manch Satzschluss effektvoll vorgeführt. Abgesehen davon schienen Arming, das Orchester sowie der für die heiklen Einwürfe gut präparierte Philharmonische Chor weniger an Äußerlichkeiten interessiert, dafür an einer gepflegten Klanglichkeit, an der zartbitteren Harmonik.<BR><BR>Doch kann die Zurückhaltung auch andere Gründe haben. Das Stück ist ja undankbar: Rhythmischer und harmonischer Schwierigkeitsgrad stehen oft in keinem Verhältnis zur Wirkung, der Tenor (Nikolai Schukoff) muss sich mit extremen Lagen quälen, der Sopran (Eva Drizgova-Jirusova) mit Dramatik wie aus heiterem Himmel, während Alt (Ameral Gunson) und Bass (Marcos Fink) Stichwortgeber bleiben. Manch getrübtes Zusammenspiel und die gestörte Balance machten daher ungewollt die großen Anforderungen von Janá´ceks Opus hörbar.<BR><BR>Dazu der Eindruck, dass die Aufführung über weite Strecken lediglich koordiniert wirkte (bis auf Friedemann Winklhofers wildes Orgel-Solo), wodurch der Aufführung der inhaltliche Zugriff fehlte - eigentlich fatal bei diesem an textlichen und biografischen Hintergründen so reichen Stück.<BR><BR>Ähnliches vor der Pause, in Alexander Zemlinskys dreisätziger Orchester-Fantasie "Die Seejungfrau" nach Andersens Märchen - quasi der österreichische, robustere Verwandte von Debussys "La Mer". Arming gab den behutsamen Gestalter, vermied zu sämige Klangfluten, erzielte aber oft nur eine oszillierende, etwas neutrale Flächigkeit.<BR><BR>Der schöne Philharmoniker-Klang ruft zwar immer wieder Bewunderung hervor, gerade bei spätromantischer Literatur. Eine Ehrenrettung dieser Tondichtung, die dem Repertoire irgendwie verlustig ging, hätte freilich mehr erfordert.<P> </P>

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