Zarte Provokation

- Sie war wunderschön, anmutig, tanzte federleicht und wurde von allen geliebt. Er war absolut eigenwillig, androgyn, provozierend und wurde oft heftig angegriffen. Zusammen begründeten die Sacharoffs zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen komplett neuen Tanzstil, der die Moderne maßgeblich beeinflussen sollte. Die Münchner Villa Stuck präsentiert nun eine Ausstellung über die "Zwei Tänzer im Umkreis des Blauen Reiters", die so zart und beschwingt ist, wie sie die bunte Fantasie des Künstlerehepaares nicht anders gewünscht hätte.

<P>Das Konzept von Frank-Manuel Peter (Deutsches Tanzarchiv Köln), Rainer Stamm (Paula Modersohn-Becker Museum Bremen) und Patrizia Veroli (Rom), eine Brücke zwischen Malerei und Bewegung, Kostüm und Bühne zu schlagen, geht in einem Gesamtwerk auf: in der Mitte die fließende, weiche Umsetzung der Musik in Körpersprache auf einem durchsichtigen Vorhang projiziert, rundherum sehr persönliche Zeugnisse einer außergewöhnlichen Begabung und Karriere.<BR><BR>Die Gemälde des Blauen Reiters sind weltberühmt: Marianne von Werefkin malte Sacharoff 1909 in mystischem Blau mit Blume, Alexej von Jawlensky stellte ihn mit roter Blütenpracht im Haar 1913 als Spanierin dar. In zahlreichen Skizzenbüchern und lyrischen Zeichnungen wird die Eindringlichkeit ebenso wie das Flüchtige des Tänzers beschrieben.<BR><BR>Alexander Sacharoff (1886-1963), selbst zunächst Maler, kam 1905 nach München und trat gleich 1909 der Neuen Künstlervereinigung München als einziger Tänzer bei. Gemeinsam mit Wassily Kandinsky beschäftigte er sich mit dem synästhetischen Gesamtkunstwerk. Sein Steckenpferd waren die antiken Posen, die er als erster männlicher Podiumstänzer im Odeon 1910 präsentierte.<BR><BR>Gleichzeitig machte Clotilde von Derp (1892-1974) mit ihrem Ausdruckstanz - lange vor Mary Wigman - Furore. Schleier, Plisseekleider, ein rosaroter Traum aus Tüll unterstützen ihr Talent und die Befreiung von Tradition und Formzwang. Nachdem Alexander und Clotilde 1919 geheiratet hatten, traten sie weltweit gemeinsam auf. </P><P>Allerdings blieben sie in ihrem fotografisch einfühlsam dokumentierten Wechselspiel der Geschlechterrollen stets ausgeprägte Solisten. Flatternde Roben, güldener Pomp, aber auch Strenge prägten die dialoghaften Auftritte. Sacharoff ließ in seinen Bühnenentwürfen regelrechte Märchen entstehen und stellte in seinen glitzernden Collagen asiatische Träume zwischen russischer Bildtradition und Scherenschnitt zusammen.<BR><BR>Das Flair der innovativen Künstlerstadt München tauschten die Sacharoffs 1922 mit dem von Paris. Philippe Petit hielt in wunderbar reduzierten Andeutungen von Zeichnungen den Fluss des Tanzes und der Körperlinie fest. Und auch die Aufnahme in der Metropole: Der aufgeblasene Kritiker, der den Scharoffs wieder einen traditionellen Tanzstil beibringen will, durchbricht graziös wie ein Elefant den Theaterboden.<BR><BR>Der Kreis um diese umfangreiche, durch zahlreiche persönliche Dokumente angereicherte Lebens- und Kunstgeschichte schließt sich mit der Gemäldesammlung von Clotilde und Alexander Sacharoff: leuchtende Farben und impulsive Stimmungen des Blauen Reiters, die noch heute durch das Unkonventionelle überzeugen. </P><P>Bis 22. Juni, Katalog: 25 Euro. Tel. 089/ 45 55 51 12. </P>

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