Zarte Wehmut

- Er ist 34 Jahre alt, spielt seit seinem zweiten Lebensjahr Klavier und blickt mittlerweile auf eine bald 23 Jahre währende öffentliche Karriere zurück: Jewgenij Kissin. Obwohl Kissin sich nicht als Star und Gesellschafts-Liebling gibt, schafft er es erstaunlicherweise, in die fast ausverkaufte Münchner Philharmonie ein auffallend junges Publikum zu seinem Klavierabend zu locken. Gekommen ist Kissin, um Beethoven und Chopin zu spielen.

Zielstrebigen Schrittes geht er dem Flügel entgegen, leicht wehen die Rockschöße seines Fracks. Entschlossen und konzentriert beginnt er unmittelbar sein virtuoses Spiel mit Ludwig van Beethovens dritter Sonate in C-Dur, op.2/III. Hingebungsvoll, vornübergebeugt legt er sich in das kantable Seitenthema des Kopfsatzes. Fast in Zeitlupe zelebriert er den zweiten Satz. Virtuos und perlend glasklar akzentuiert er Scherzo und Schlussrondo. Geheimnisvoll skizzierte Kissin anschließend den Abschiedsschmerz der "Les Adieux"-Sonate. Wehmütig, gar zärtlich gestaltet er die Empfindungen der Abwesenheit im Mittelsatz und ekstatisch die überwältigende Wiedersehensfreude im Finale. Kissins Klangwelt erfüllt den Raum. Mit faszinierender Fingertechnik bringt er den Flügel zum Leben.

Existenzialistisch mutet sein klanglicher Einstieg in die Welt der vier großen Scherzi Frédéric Chopins an (h-moll op. 20, b-moll op. 31, cis-moll op. 39 und E-Dur op. 54). Mit Noblesse und Intensität entführte der Künstler hier in die Sphären dieser Bekenntnismusik. Seine russische Seele offenbarte Jewgenij Kissin in der Zugaben-Etüde von Karol Szymanowski und für den frenetischen Applaus, wie er sonst nur bei Popkonzerten üblich ist, bedankte er sich bescheiden lächelnd mit drei weiteren Zugaben von Chopin und Liszt.

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