Vom Zauber eines Ortes: Die Luisenburg und ihre Festspiele

- Als Goethe 1820 bereits zum zweiten Mal bei Wunsiedel im Fichtelgebirge das gewaltige Felsenlabyrinth besuchte, hielt er in seinem Tagebuch fest: "Mein Abscheu vor gewaltsamen Erklärungen, die man auch hier mit reichlichen Erdbeben, Vulkanen, Wasserfluten, anderen titanischen Ereignissen geltend zu machen versuchte, ward auf der Stelle vermehrt, da mit einem ruhigen Blick sich gar wohl erkennen ließ, dass . . . diese staunenswürdige Erscheinung ganz naturgemäß sich ergeben habe."

Was das Allroundtalent so faszinierte und bei seinem ersten Besuch 1795 zu naturwissenschaftlichen Studien angeregt hatte, war die weitläufige Ansammlung riesiger Granitblöcke, aufeinander getürmt wie von Zauberhand - die heutige Luisenburg. Der Forscher Goethe konnte als erster erklären, dass der ganze Zauber dem natürlichen Vorgang der Verwitterung zu verdanken war.Theaterspiel zwischen Felsmassiven

Genauso natürlich und unwiderstehlich hat sich an diesem waldig-felsigen Ort eine andere Magie entwickelt: die des Theaters. Denn auf der Lux- oder Losburg, nach dem Besuch der preußischen Königin Luise 1805 umbenannt, wurde bereits 1692 nachweislich Theater gespielt. Und von da an immer wieder, bis 1890 die Luisenburg-Festspiele ins Leben gerufen wurden.Seit 2004 ist der Münchner Schauspieler und Regisseur Michael Lerchenberg Intendant dieser Festspielbühne mit ihren Felsmassiven und Waldausläufern. Eine neue Tradition hat er dabei selbst begründet: Die Verleihung zweier Nachwuchspreise für Schauspieler durch die Stadt Wunsiedel und die Firma Rosenthal. Der schöne Umstand, dass berühmte Schauspieler wie Rolf Boysen, Gisela Stein oder Romuald Pekny in Wunsiedel jung angefangen haben und auf der dominanten Naturbühne ihre Bühnenpräsenz zu behaupten wussten, soll Ansporn sein.Nachdem sein Vorgänger Pavel Fieber die Zahl verkaufter Karten halbiert hatte, ist Lerchenberg nun Erfolg beschieden. "Fast schon gespenstisch gut" verkaufe sich das Festival in diesem Jahr. Lerchenberg setzt auf starken Nachwuchs, große Namen und solides Volkstheater. Er ist sich seiner Chance bewusst, dass er mit der Attraktivität der Luisenburg auch Zuschauer gewinnen kann, die selten ins Theater gehen. Deshalb macht er noch lange kein Gemütlichkeits- oder Rührseligkeitstheater.Seine diesjährige Neuinszenierung ist Wilhelmine von Hillerns "Geierwally". Der Tiroler Felix Mitterer hat ihm dafür eine Neufassung geschrieben, mit einer in ihrer Freiheitsauffassung noch radikaleren und zugleich verletzlicheren Geierwally. Ihr starker Gegenspieler ist hier der Bauernsohn Vinzenz, dem sie versprochen ist. Christoph Baumann kitzelt aus der traurigen Figur aggressive Leidenschaft und niederträchtige Großmannssucht heraus. Neben diesem Jammerlappen erglänzt in unbeschreiblicher Entschlossenheit und Strahlkraft Barbara Romaners Geierwally. Ihr Spiel zeigt, wie berechtigt sie 2004 den Nachwuchspreis erhielt. In diesem Jahr hat ihn sich Michael Pascher verdient: Zwei kleineren Rollen - einem stoisch singenden Boten und dem Bergbewohner Leander Klotz - gewinnt Pascher zart-komische Tiefe ab.Während sich Lerchenberg die zerklüftete Bergbühne für die Geierwally poetisch zunutze macht, lässt Jörg Hube als Regisseur für Carlo Goldonis "Diener zweier Herren" die Kulissen ganz Commedia dell'Arte-gemäß während des Spiels selbst aufbauen: ein paar Tücher zwischen Stangen gehängt - und die Felsen sind nur noch Umgebung. Furios füllt Gerd Lohmeyer das springlebendige Zentrum der Komödie aus. Jessica Higgins, die bruchlos und präzise die Hosenrolle der Beatrice spielt, erhielt ebenfalls den Nachwuchspreis. Vor allem in Karl Absengers erfolgreicher "Anatevka", einer Wiederaufnahme vom Vorjahr, sticht sie heraus als mädchenhaft eigenwillige, sehr nahe gehende Hodel.Dafür, dass "Robin Hood" nicht nur Kindern nahe geht, hat Eva-Maria Thöny gesorgt. Ganz wahrhaftig spielt Roman Weltzien den kleinen Nick, der gegen Ungerechtigkeit kämpft. Indessen der Zuschauer sich gern dem zwischen Kasperltheater und Monthy Python flirrenden Humor ergibt.

Bis 23. August. Karten: Tel. 09232/60 21 62 und www.luisenburg-aktuell.de

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