Zauber der Illusion

- "Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen." Peter Brook machte sich unabhängig von den festen Theaterhäusern, die wir aus unserer abendländischen Tradition gewöhnt sind. Aber auch bei ihm entsteht "Architektur", nämlich wenn sich sein Publikum zum "Zuschauerraum" formiert und die Künstler ihnen gegenüberstehen. So wie die Menschen und ihr Handeln per se Räumlichkeiten bilden, so geschieht es auch in der Landschaft. Deswegen passt das peruanische Erdtheater von Moray (mehrere Krater) von 2500 v. Chr. genauso gut in die Ausstellung "SchauSpielRaum - Theaterarchitektur" wie das "Temporäre Theater" für das österreichische Haag von noncon:form 2000 n. Chr.

<P>Passend zum Jubiläum 350 Jahre Oper in München hat das Architekturmuseum der Technischen Universität in seine Säle in der Münchner Pinakothek der Moderne den Zauber Theater geholt. Ohne Schauspieler, ohne Drama, ohne Bühnenbild, ohne Regie. Nur Modelle, Fotos und Zeichnungen. Dennoch erfasst einen sofort die Faszination Theater. Es ist dieses Phänomen aus Wirklichkeit und Fantasie, aus Illusion, von der jeder weiß, dass es Illusion ist, und Wahrhaftigkeit, aus Gemeinschaft und Vereinzelung, aus Sakralem und Banalem, das auch die Baumeister  inspiriert  hat. </P><P>Am Anfang war die Arena</P><P>Und selbst die mehr oder weniger kleinen Abbildungen, die größtenteils die Studenten der TU gebaut haben, strahlen dieses Flair aus. Dramatische Fantasie, die ihre solide Schwester, die von der Sparte Bau, beflügelt.</P><P>Am Lehrstuhl für Raumkunst und Lichtgestaltung unter Leitung von Hannelore Deubzer wurde eine Typologie erstellt, die die Schau sinnvoll gliedert. Große Fahnen informieren knapp und klar, auch mit Bildbeispielen. Am Anfang war die Arena mit einer Rundbühne, egal ob für Ritual, Wettkampf oder Spiel. Oder für die Anatomie wie im Padua von 1594. Oder für die Musik etwa der Berliner Philharmoniker, denen Hans Scharoun ein in Facetten gebrochenes Haus schuf; dessen Herz ist die Bühne fürs Orchester. Mit den Griechen kommt die zweite Bauform ins Spiel, das Theatron. Optisch und akustisch schlichtweg zweckmäßiger. Konvexbühne und Zuschauerbereich liegen sich gegenüber, wobei die Spielfläche ihr Bäuchlein ins Publikum hineinschiebt. 17 000 Athener fanden im Dionysos-Theater (4. Jh. v. Chr.) Platz und sahen 3000 Schauspielern tagelang zu. Über die Hälfte der Einwohner frönte der Kunst - und dem Gott. Nach dem gleichen Bühnen-Prinzip funktionierte auch Shakespeares Globe (1599), allerdings für "nur" 3000 Londoner und aus Holz statt aus Marmor gebaut.</P><P>Mit der uns sehr geläufigen Guckkasten-(Konkav)Bühne ist die Trennung zwischen Spiel/Fiktion und Realität komplett vollzogen. Todschick Ludwig Mies van der Rohes Idee (1953) für das Nationaltheater Mannheim - eine sehr elegante, flache Glas-Form. Dagegen, obwohl das gleiche System verwendet wird, charmant versponnen Rudolf Steiners erstes Goetheanum in Dornach (1913-22), in dem sich zwei säulen-bestückte Kreise (Publikum und Bühne) sanft überschneiden. Zuletzt werden dann die ausgefallenen Varianten der "Raumbühne" präsentiert, ein Begriff, den Friedrich Kiesler erfunden hat. Das Theatrale sollte den Betrachter umfangen, ihn zum Mitspieler, zum Beteiligten machen. Der Architekt entwickelte dafür sein extrem vielseitiges Universal und das in ätherische Kugel- und Spiralfiguren aufsteigene Endless Theatre (1959-62 bez. 1924). Und Walter Gropius erdachte für Erwin Piscator ein Totaltheater (1927) mit allen technischen Schikanen, in dem die Zuschauer hätten scheinbar im Meer versinken können. </P><P>Wer sich in der Ausstellung von all diesen traumhaft-theatralischen Projekten begeistern lässt, wird heftig bedauern, dass viele dieser großen Architektur-Auftritte nur Probe waren und nie zur echten Aufführung wurden. Spannend auch zu sehen, dass die Konzepte der Antike heute noch genauso gut funktionieren wie neuzeitliche. Und, dass theatrale Räume oft wie Kirchenbauten wirken.</P><P>Bis 18. 1. 2004; Begleitheft: zehn Euro. Live-Projekt von Alexeij Sagerer: "Flüge" in den Raum jeweils Mi./Sa. 16.07 Uhr, Do./Fr. 19.07 Uhr. www.pro.T.de.</P><P> </P>

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