Zauber des Ursprünglichen

- "Die Brücke" - und dann trabt einem doch tatsächlich Willem zwo entgegen . . . Ein, wenn auch kleinformatiges, Reiterstandbild des letzten deutschen Kaisers irritiert nicht nur in München, sondern will auch zu den berühmten Expressionisten, zum Aufbruch in die Moderne nicht passen.

Die Dresdner Architekturstudenten Fritz Bleyl, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff brachen ab Sommer 1905 mit der Gründung ihrer Künstlergruppe eben aus jenem Wilhelminismus aus. Die Münchner Hypo-Kunsthalle will mit ihrer Ausstellung "100 Jahre Brücke - Expressionismus aus Berlin" diesen Weg deutlich machen.

"Mit Impressionen haben diese Bilder sehr wenig zu thun, mit dem modernen Leben und der Großstadt sehr viel; sie sind äußerlich hässlich . . . Aber voll tiefem Sinn und Realismus, so empfinde ich sie."

Franz Marc

Dabei verweist der Untertitel eher auf den Wohnort der Künstler und die Herkunft der Schau aus den Staatlichen Museen zu Berlin als auf die Motive der rund 30 Gemälde sowie der über 100 Druckgrafiken und Aquarelle. Denn nur ein kleiner und nicht sonderlich aussagekräftiger Teil erzählt von den Turbulenzen der Großstadt.

Ein paar Tanzgirls schmeißen die Beine; die Zirkuswelt versprüht ein bisschen Abenteuer-Aura. Marginal die Elendsgestalten, während Paar-Beziehungen spannend erscheinen. Max Pechstein, der 1906 zur "Brücke" stieß, zeigt sich zum Beispiel in einem Doppelbildnis mit Charlotte Kaprolat vor einem Matisse nachempfundenen blumig-ornamentalen Hintergrund. Schelmisch linst er zu ihr hinüber. Hat er sie geneckt? Denn sie ist gerade dabei, ihn mit ein paar Blumen zu schlagen. Ein Sommer-Sonnen-Liebes-Bild in den leuchtendsten Farben (1910).

Wie die Expressionisten dahin kamen, zu dieser Befreiung aus dem Wilhelminismus und seiner gezügelten Salonkunst, gegen die die Kollegen in Frankreich schon länger kämpften, erläutert die Schau erfrischend pointiert und damit didaktisch sicher erfolgreich: Kirchner als Jugendstil-Künstler, der sich an Felix Vallotton erprobt (Linie und Fläche); Schmidt-Rottluff testet Signacs Farbflimmern; Pechstein nimmt Gauguin so ernst, dass seine Strand-Schöne von Nidden direkt von der Südsee zu stammen scheint. Sehr wichtig waren außerdem - nicht nur am "Brücke"-Anfang - Vincent van Gogh und Edvard Munch.

Recht gut nachvollziehbar ist im nächsten Saal das Gruppen-Trainingsprogramm der "Viertelstundenakte". In den Dresdner Wohnungen - erst 1911 gingen sie nach Berlin - übten die Künstler das Ungekünstelte, Spontane, das sie ja auch in der Natur suchten oder in der so genannten primitiven Kunst. Das Ursprüngliche sollte wieder zu seinem Recht kommen.

Nicht Fischbeinkorsett und Vatermörder, sondern Nacktheit und Lässigkeit. Der schnelle Zugriff führte, das sieht man schön an den gezeigten Beispielen, zum Wesentlichen. Herrlich etwa Heckels "Mädchen mit hohem Hut", eine Grafik. Dominierend die großen Augen mit leichtem Silberblick, dann ganz knapp in ein paar Linien gesetzt die Stupsnase und die hohen Wangenknochen. Und schon lebt eine Lulu - sexy, kess, naiv mit einem Hauch Melancholie. Wer so arbeitet, hat natürlich leichten Zugang zur modernen Literatur seiner Zeit. Kein Wunder also, dass man Avantgarde-Zeitschriften wie Herwarth Waldens "Der Sturm" illustrieren durfte und sich von Dichtern wie Alfred Döblin inspirieren ließ.

Zu dem Programm, Unverfälschtes schaffen zu wollen, gehörte das Eintauchen in exotische Welten mit ihren ungewohnten Formen. Von Emil Nolde - nur von 1906 bis 1907 "Brücke"-Mitglied - sind einige grandiose Aquarell-Porträts von Männern aus Neuguinea in der Kunsthalle zu bewundern. Sie werden aufs Eindrucksvollste begleitet von wunderbaren Originalen aus Ozeanien (Münchner Völkerkundemuseum). Ob Paradies in weiter Ferne oder ob an den Moritzburger Teichen, die "Brücke"-Künstler vertrieben sich selbst daraus. Im Mai 1913 gab man, zerstritten, die Auflösung bekannt. So beweisen auch die Meister-Gemälde im Hauptsaal vor allem die Unterschiede der Schöpfer-Persönlichkeiten von Schmidt-Rottluff bis Otto Mueller.

Mit dieser Exposition verabschiedet sich Kunsthallen-Chef Johann Georg Prinz von Hohenzollern von seinem Posten; als gelegentlicher Mitarbeiter bleibt er. Nachfolgerin Christiane Lange hat bereits die Schau gehängt.

Bis 21. Mai, Tel. 089/ 22 44 12; Katalog: 25 Euro.

Kinderführungen jeden Mittwoch ab 15 Uhr, Anmeldung s.o.

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