Zauberhafte "Julia"

- Eine halbe Stunde lang fragte sich der Zuhörer: Warum? Dann erschien die leibhaftige Antwort: Anna Netrebko. Zart, mädchenhaft, in einem apfelgrünen Seidenkleid. So muss Julia ausgesehen haben, ein bildschönes Veroneser Töchterlein. Den Alt-Romeos im Großen Salzburger Festspielhaus stockte schier der Atem. Dort warteten all jene Glücklichen, die rechtzeitig eine Karte bestellt oder eine auf dem Schwarzmarkt ergattert hatten, um Vincenzo Bellinis "I capuleti e i montecchi" kennen zu lernen - oder richtiger, die Netrebko zu erleben.

<P>Konzertante Oper in Salzburg, also bei d e m Opernfestival schlechthin - ist das eine adäquate Lösung? Sicher nicht. Dennoch gibt es zwei gewichtige Gründe, weshalb auch an der Salzach immer wieder die halbherzige Realisierung besser erscheint als gar keine: Zum einen tauchen dabei oft vergessene Werke auf. Zum anderen rollt man damit den roten Teppich für die Stars aus. Diesmal allein für die Netrebko, deren "Gefolge" eher magere Beilage blieb. Bellini bediente sich für seine 1830 in nur acht Wochen für den venezianischen Karneval gefertigte Romeo-und-Julia-Version im eigenen Opernfundus, montierte Vorhandenes ("Zaira") mit Neuem und konzentrierte sich stark auf das Paar. Romeo und Giulietta dürfen Liebe und Leid in belcantistischen Arien und Duetten ausleben.</P><P>Eleganz und Dramatik</P><P>Anna Netrebko tat dies schon beim ersten, vom Horn und von der Harfe umspielten Auftritt mit bis in die feinsten Pianissimi-Schattierungen tragenden Sopran. Auch wenn sie noch nicht über die irre Virtuosität einer Gruberova gebietet, bestach sie mit feiner Linienführung und geschmackvoller Phrasierung und überstrahlte das Orchester mühelos. Dass ihr wunderbar dunkel glänzender, hoher Sopran in den wenigen extremen Spitzentönen jene betörende Farbe einbüßte, irritierte etwas - ein Mimi-Manko, das sich beheben lässt. Ihr hätte man einen Romeo vom Format einer Kasarowa gewünscht! Daniela Barcellona hingegen versuchte mit Lautstärke und großer Geste wettzumachen, was ihrem Mezzo an Schönheit und Flexibilität fehlte. Immerhin steuerte sie intensiven Ausdruck zur Dramatik der Schlussszene bei.</P><P>Von den Herren - Vater Capulet (Dan Dumitrescu), Lorenzo (Chester Patton), Tebaldo (Joseph Calleja) - mischte sich nur letzterer ein. Der 26-jährige Malteser mit dem virilen Tenor musste bei seinem Salzburg-Debüt sofort ins Feuer mit Rezitativ und Kavatine. Nach anfänglicher, wohl nervös bedingter Verengung in der Höhe sang er sich beim Duett mit Romeo überzeugend frei. Souverän präsentierte sich der Wiener Staatsopernchor. Und Ivor Bolton und sein Mozarteum-Orchester ließen vergessen, dass die Belcanto-Oper nicht ihr tägliches Brot ist. Eleganz und Biegsamkeit, krachende Dramatik und lyrischer Stimmungszauber lösten einander ab bis hin zum jähen, dramaturgisch modernen Ende.</P>

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