Zeichen des Aufbruchs

Bayreuth - Der Bayreuther Neustart ist rot. So präsentiert sich jedenfalls das Festspielbuch: seit Urzeiten im gediegenen Weiß, jetzt in völlig anderer Gestaltung und mit aufgehübschtem Inhalt. Und wer durchs oberfränkische Städtchen schlendert, sieht sie auch woanders, diese Zeichen des Aufbruchs.

Zum Beispiel in der Villa Wahnfried, wo Mariano Rinaldi Goni seine "Walküren"-Bilder zeigt. Wilde Weiber zwischen Badenixe, Amazone und Domina, manche gepierct, andere mit gebleckten Zähnen und eine ziemlich blond: Ist sie das? Selbstverständlich "unterstützt" auch Katharina Wagner diese Ausstellung, sagt Oberbürgermeister Michael Hohl beim Empfang und erwähnt den immerhin noch amtierenden Festspielleiter mit keiner Silbe. Doch leider habe sie nicht kommen können. Murmeln bei den Vernissagegästen. "Die Proben, Sie verstehen."

Und da wurde es knapp. Eigentlich, so heißt es, sollte sogar die "Rheingold"-Generalprobe abgesagt werden und durch eine zweite (!) "Meistersinger"-Endprobe ersetzt werden. Es hakte am dritten Akt, an der Beleuchtung, an jenen Buh-provozierenden Szenen jedenfalls, die nicht einmal die Generalproben-Besucher sehen durften. Noch bis 21 Uhr wurde daher am Dienstagabend gepuzzelt.

Und Katharina Wagner ist auch deutlich mitgenommen und offenbar hochnervös, als sie am gestrigen Premierentag vor den Journalisten erscheint. Nicht zur Pressekonferenz, sondern zum "Presseempfang". Vorbei also die Zeiten, als Papa Wolfgang die Berichterstatter mit "Herrschaften!" anschnarrte, manche Wortmeldung wegbügelte, dafür lang und gewitzt auf Ungefragtes antwortete.

Der Chef bleibt unsichtbar, dafür stellt sich Tochter Katharina Info-Bedürfnissen. Natürlich nicht als Vertreterin des Hauses, wie unverhohlen lächelnd betont wird. Sondern "einfach" als Regisseurin der Neuinszenierung.

Vor dem Pressebüro hängen unterdessen bereits die Fotos der "Meistersinger". Schwell- und Pagenköpfe sind zu sehen, von Nacktszenen wird geraunt. Wofür das traditionelle "Festspielmagazin" einer örtlichen Buchhandlung das Gegengift parat hat: Ganzseitig inseriert auf der Rückseite das Wagner-Festival-Wels: "keine Experimente, erkennbare Inszenierungen, erstklassige Besetzungen". Der Ausweichort für Katharina-Geschädigte?

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