Die Zeichen des Großen Bruders

- Berufsbezeichnung Dirigent, das greift bei Lorin Maazel (75) zu kurz. Von 1994 bis 2002 leitete der Amerikaner, einer der wenigen Superstars der Klassikszene, das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks. Er spielt exzellent Geige - und hat immer wieder auch komponiert. Sein bislang wohl spektakulärstes Opus wird am 3. Mai am Royal Opera House Covent Garden in London uraufgeführt.

<P>Es handelt sich um die Bühnenfassung von George Orwells Roman "1984". Orwell zeichnet darin das Bild einer diktatorischen, total kontrollierten Gesellschaft, in der es absolute Wahrheit nicht mehr gibt, nur noch die Doktrin des "Großen Bruders". Der Romanheld Winston Smith lehnt sich dagegen auf - vergeblich.<BR><BR>"1984" spielt in London, was zum Uraufführungsort Ihrer ersten Oper gut passt. Doch eigentlich war's gar nicht so geplant.<BR><BR>Maazel: "1984" sollte in München uraufgeführt werden. Ich wurde von August Everding gebeten, eine Oper fürs Prinzregententheater zu schreiben. Sechs Monate hat er gebraucht, um mich zu überzeugen. Bei der Themenfindung hatten wir wirklich Schwierigkeiten, bis wir auf Orwell kamen. Doch nachdem Everding starb, entdeckte sein Nachfolger, dass nicht genügend Subventionen für das Projekt zusammenkamen. Es war kein Mangel an gutem Willen - aber Covent Garden hatte einfach schneller zugegriffen.<BR><BR>War Orwell Pessimist oder Realist?<BR><BR>Maazel: Ein Realist. Einer, der sehr kühl eine mögliche Gesellschaft geschildert hat. Doch ich muss betonen: Hier geht es um eine Oper. Ich verstehe "1984" als eine Art modernen "Don Carlos". Das Herz ist eine Liebesgeschichte, die allerdings vor politischem Hintergrund. Es gibt eine 20-minütige Liebesszene, sodass sich das Publikum mit dem Paar identifizieren kann. Auch die Unmöglichkeit dieser Beziehung ist Teil der Katastrophe von "1984".<BR><BR>Es scheint, als ob Sie sich der klassischen Operntradition verpflichtet fühlen. Mit großen Chören, Duetten, Solo-Szenen . . .<BR><BR>Maazel: Ich bekenne mich zu dieser Tradition. Die Musik spannt einen weiten Bogen von 1910 bis, sagen wir, 2020. Es gibt natürlich Zeitgenössisches, manches im Stil von Ella Fitzgerald à la 1965, aber auch eine Liebesmusik, die man wirklich singen kann. Es gibt auch komische Momente, wenn die Apparatschiks geschildert werden. Und man erlebt eine Folterszene, die nichts für Leute mit Herzproblemen ist.<BR><BR>Also ist Ihr "1984" in erster Linie kein politisches Manifest?<BR><BR>Maazel: Es ist die Beschreibung einer Welt, die auf uns zukommen kann, wenn wir nichts unternehmen. Es ist auch die Beschreibung eines Volkes, das bereit ist, ausgenutzt zu werden.<BR><BR>Trägt das Volk demnach eine Mitschuld am Geschehen?<BR><BR>Maazel: In den ersten zehn Minuten der Oper, in einem "Hasschor", wird das deutlich, so hoffe ich. Er zeigt uns eine Aggression, die in jeder Seele zu finden ist. Dazu kommt noch ein religiöser Aspekt, eine unbegrenzte Liebe zum Großen Bruder ohne jegliche Schattierungen. Die Leute sind überzeugt davon, dass sie und der Große Bruder Recht haben.<BR><BR>Wo sehen Sie in unserer Gesellschaft Zeichen des "Großen Bruders"?<BR><BR>Maazel: Das fängt doch schon im Kleinen an. Man fährt im Auto mit Navigator, und dadurch ist irgend jemandem bekannt, wo man sich aufhält. Dasselbe trifft auch beim E-Mail-Verkehr zu. Nur: Warum? Aus welchem Grund? Und in größeren Dimensionen stellen wir fest, dass wir Schritt für Schritt unsere persönliche Freiheit verlieren, dass Grundrechte eingeschränkt werden. Der Staat sagt dann immer zur Begründung: Ich will euch doch nur schützen und verteidigen. Dazu kommt, dass Wissenschaft und Medizin in enormen Schritten voranschreiten - und das menschliche Bewusstsein, unsere oft primitive Einstellung, nicht damit Schritt hält.<BR><BR>Sollte ein Künstler auch politisch sein?<BR><BR>Maazel: Ich bin kein Politiker, ich bin Musiker. Musik an sich ist nicht politisch. Orwell schrieb einmal sinngemäß und auf "1984" bezogen: Falls wir doch ein bisschen Hoffnung haben, können wir Hoffnung auch in unser Volk bringen, damit so etwas nicht passiert. "Hoffnung bringen": Hier könnte sich ein Künstler verpflichtet fühlen.<BR><BR>Und sind Sie pessimistisch, was die Vision von "1984" betrifft. Oder realistisch?<BR><BR>Maazel: Ich bin von Natur aus ein Optimist, von der Erfahrung her aber ein ziemlicher Pessimist. Jeder tut eben, was er kann. Ich schreibe Musik, um eine warnende Geschichte zu erzählen.<BR><BR>Sie dirigieren auch die Uraufführung. Sind Komponisten immer die besten Interpreten ihrer Werke?<BR><BR>Maazel: Nein, ich habe mit dieser Situation immer Schwierigkeiten gehabt. Aber diese Partitur hier ist furchtbar komplex. Es wäre nicht fair, das jemand anderem aufzubürden. Diese Schwierigkeiten sollte man schon selbst erleben müssen.<BR><BR>Wird es eine zweite Oper von Lorin Maazel geben?<BR><BR>Maazel: Nach der Vollendung von "1984" habe ich meiner Familie gesagt: Ich werde nie wieder eine Note schreiben. Gut, das Komponieren empfinde ich als Genuss. Aber dieser Termindruck . . . Dieses Muss macht es so unerträglich. Doch scheinbar ist dies die einzige Methode, um gute Musik zu schreiben. Ich habe mal versucht, ohne Zeitdruck zu komponieren. Das Ergebnis war furchtbar.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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