Zeichnen bis in den Tod

- Immer wieder Italien: Die Sehnsucht des Deutschen nach Tempel und Ruinen, weiten Feldern und ein wenig Gebirge, knorrigen Pinien und Schäferidyllen manifestiert sich in unzähligen Ideallandschaften, die südlicher sind als der ganze Stiefel selbst. Franz von Kobell (1749 - 1822) ist diesem Traum erlegen, hat Rom und Umgebung besucht und es zu ganzen Serien von wunderbaren Klischees gebündelt.

Typisch 18. Jahrhundert also. Doch dann schwenkt der Blick zu den anderen Zeichnungen: Wasserfälle in Nahansicht, Felsstrukturen, unscheinbare Ecken und Häuser. Auch das entstanden kurz nach 1800 und so gar nicht dem sonstigen Zeitgeist entsprechend. Das Erstaunen ist das Thema dieser Ausstellung, die den Zeichner zwischen Idylle und Realismus beleuchtet und vor allem eines schafft: den Blick neu zu schärfen für das Moderne hinter scheinbar Historischem. <BR><BR>Insofern hat die Graphische Sammlung in der Münchner Pinakothek der Moderne dem arg vernachlässigten Spross der Künstlerfamilie Kobell einen riesigen Dienst erwiesen. Nachdem sonst der Zeichner im Schatten seines älteren Bruders Ferdinand und seines Neffen Wilhelm stand, bringen diese über 140 Zeichnungen neues Licht ins Mannheimer und vor allem Münchner Kunstgeschehen.<BR><BR>Anlass der Präsentation war der Neuerwerb eines jener Klebebände, die eine unglaubliche Fülle von Kleinstlandschaften als eigenständige Bilder beinhalten. Das strukturierte Sammeln seiner Blätter hatte Franz Kobell dringend nötig: Ohne Pinsel oder Feder kann man sich ihn, von dem man sonst nur wenig weiß, der stets ledig blieb und in Künstlerkreisen verkehrte, gar nicht vorstellen. Obsession nennt man so etwas. Bäume über Bäume, immer wieder das fließende Wasser in schnellen, zielsicheren Strichen gebannt, dann das großflächige Hell-Dunkel der Stadtecken: Kobell wurde nicht müde, dem Phänomen hinterher zu spüren. In den lockeren, eigenständigen Pinselzeichnungen ab 1800 spielte er mit Formen, mit Freiflächen, mit Abstraktion. Damit fällt der Mannheimer Hofmaler, der sich nach seinen Italienreisen ab 1784 in München niederließ, komplett aus dem zeitlichen Rahmen und dem künstlerischen Umfeld auch eines Johann Georg von Dillis.<BR><BR>Erst relativ spät wurde diese "Massenproduktion" kritisch beurteilt. Vielleicht, weil sie so wenig dem damaligen Geschmack entsprach. Zart ins warme Aquarelllicht getauchte arkadische Flusslandschaften mit winzigen Staffage-Figuren und pittoresken Versatzstücken sind noch akribisch angelegt, während später die oberbayerischen Berge in weichen Grünflächen ausgleiten und schließlich die Münchner Frauenkirche als Grausilhouette hinter einem kantig klaren Häuserfeld auftaucht.<BR><BR>Architekturzeichnen hatte Kobell in Mannheim gelernt, die Landschaften hat er sich selbst erarbeitet. Das Ringen um neue Formen, um neue Techniken gab er nie auf. "Nach neuntägigem Kampf zwischen Leben und Tod begehrte er am Tag seiner Vollendung noch Papier und Bleistift, zeichnete - ermattete - zeichnete noch mit geschlossenen Augen, bis die Hand ihm ihren Dienst versagte - dann sank er zurück und in der Nacht starb er."<P>Bis 24. Juli, Katalog: 24 Euro. Tel. 089/ 23 80 53 60<BR></P><P><BR> </P>

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