"Zeig' mir etwas Neues"

München - "30 Kilo, können Sie sich das vorstellen?" Im Nationaltheater trägt Agnes Baltsa derzeit das schwerste Kostüm ihrer Karriere: den Krönungsmantel der Klytämnestra in "Elektra" von Richard Strauss. Nach langer Zeit ist die Griechin, eine der intensivsten, ausstrahlungsstärksten Sängerinnen überhaupt, wieder in München zu erleben. Die nächste Vorstellung ist an diesem Samstag.

-Ist Ihnen die Gattenmörderin Klytämnestra sympathisch?

Ich hatte vor vielen Jahren ein Angebot für die Rolle bekommen und abgelehnt. Weil ich die Klytämnestra immer als Wrack und als Partie für ältere Damen gesehen habe. Irgendwann dachte ich mir: Sophokles und Euripides haben die Vorlagen für die Oper geschrieben, das kann ich als Griechin doch nicht beiseite schieben! Ich habe die Rolle liebgewonnen. Klytämnestra ist zwar gepeinigt, aber nach wie vor die Königin. Natürlich hat sie etwas Furchtbares getan. Aber man hat ihr auch die Tochter weggenommen! Also ist sie kein altes Monstrum.

-Gibt es Rollen, bei denen Sie sagten: Das kann ich nie darstellen?

Ich habe vieles abgelehnt. Tosca, Lady Macbeth - Traumhaftes. Das erste Kriterium war immer: Kann ich das singen? Ich bin zuerst Sängerin, dann Schauspielerin. Ich hätte nie die Marschallin im "Rosenkavalier" sein können. Auch wenn ich jetzt älter bin, dann bin ich im Kopf doch immer der Oktavian geblieben (lacht). Ich muss irgendwie in die Rolle hineinschlüpfen können. Aber wie ist eine Mörderin? Was fühlt sie? Dem kann man sich doch, wenn man eine weiße Weste hat, nur annähern. Vor vielen Jahren habe ich mit Karajan in Salzburg "Carmen" geprobt. Bei der Sterbeszene hat er mich angebrüllt: "Agnes, was für ein Blödsinn!" Da habe ich Mut gefasst und gesagt: "Ich hab's mir halt so vorgestellt. Schließlich bin ich noch nie tot gewesen."

-Müssen Regisseure Ihre Widerworte fürchten?

Ich habe eine große Erfahrung, mir aber gleichzeitig eine kindliche Neugier bewahrt. Meine Haltung ist: "Zeig' mir etwas Neues." Ich mag es, wenn mir der Regisseur quasi eine Architektur inszeniert, in der ich mich frei bewegen kann. Ich möchte es nicht machen, ich möchte es sein.

-Wobei Sie natürlich als "sichere Miete" gelten. Hat man Agnes Baltsa auf der Bühne, dann bekommt man Intensität und Energie quasi automatisch.

"Jetzt kommt die Agnes, lass' sie machen": Das wäre nicht korrekt von einem Regisseur. Ich bringe meine ganze Kraft und Demut mit, werde aber eben gerne herausgefordert.

-Was hat sich für Sie verändert in der Regie-Arbeit?

Ich hatte immer Glück. Ich wäre bereit, alles zu machen. Aber nur um des Skandals willen - nein! Die Musik muss respektiert werden. Ich denke mir auch oft: All diese blöden Schminkereien, Kostüme oder Dekorationen, das muss doch mal minimiert werden! Es stehen Menschen auf der Bühne. Entscheidend ist, was die zu vermitteln haben.

-Könnten Sie sich vorstellen, "nur" Schauspielerin zu sein?

Das wäre großartig. Andererseits gibt es so viele herrliche Schauspielerinnen, was habe ich da als Sängerin zu suchen? Allerdings: Ich würde sofort Medea spielen. Mutter Courage, Bernarda Alba... Mal sehen, wer dieses Interview liest. Ich warte (lacht).

-Wie geht es mit Ihren Münchner Engagements weiter?

Ich singe nächste Spielzeit wieder die Klytämnestra. Ich spüre eine gewisse Nostalgie. Ich habe hier studiert und schon viel gesungen. Die Staatsoper ist ein fantastisches Haus mit einem wunderbaren Publikum. Es ist fast so wie bei den Verbrechern, die immer wieder an den Ort ihrer Tat zurückkommen.

-Herbert von Karajan, dessen Geburtstag sich heuer zum 100. Mal jährt, haben Sie viel zu verdanken...

O ja, fast alles!

-Aber irgendwann haben Sie nicht mehr mit ihm zusammengearbeitet.

Es war wie in einer Ehe. Ein kleiner Schönheitsfehler in unserer Beziehung, der aber innerhalb von ein paar Monaten beseitigt wurde. Mehr muss man nicht sagen. Dieser Mann hat mein Leben und mein Denken geprägt. Er hatte eine Aura, die man nicht in Worte fassen kann. Ein Magier. Es war alles von unendlicher Schönheit. Sein Geheimnis war: Er hat uns gestresst und geplagt. Aber wenn die Vorstellung kam, war er ganz verständiger Kapellmeister. "Ich bin für dich da", sagte er.

-Es heißt, er hat zu viel von den Sängern verlangt.

Natürlich hat er sich oft versteift auf etwas. Er wollte unbedingt Kundry im "Parsifal" von mir, ich sagte ihm dauernd: "Ich bin nicht so weit." Karajan war außerdem ein guter Pädagoge. Wir hatten "Don Carlos" eingespielt, und in einer Aufnahmesitzung war das Quartett geplant. Ich dachte mir: Toll, er verschont mich von Ebolis Arie. Aber nach dem Quartett brannte das rote Licht weiter, ich zögerte, da traf mich dieser brutale Blick aus seinen wunderbaren, stahlblauen Augen. Und ich sang um mein Leben! Am Ende haben wir beide geweint. Er sagte: "So wirst du es nie wieder singen." Und es stimmt: Durch den Überraschungseffekt wurde es wunderbar.

-Wie hat er über andere Kollegen geredet?

Er war eifersüchtig. Einmal sang ich mit José Carreras "Carmen". Danach kamen wir zu Karajan zurück. Er fuhr uns an: "Wo wart ihr?" Wir drucksten: "Wir haben ,Carmen gemacht. Ganz unbedeutend. An der Scala." Er: "Wer hat dirigiert?" Wir zögernd: "Abbado." Und er: "Dann muss ich jetzt die Scherben zusammenkehren!" Es war bei Karajan eine total andere Zeit. Man stand im Rampenlicht ohne PR, ohne Event-Getue.

-Also trauern Sie der Zeit nach?

Ich bin keine von denen, die sagen: Früher war alles besser. Jede Zeit hat ihre Ausdrucksmittel. Letztlich hängt alles vom Charakter des Künstlers ab. Ob er bei dieser Wegwerf-Gesellschaft mit ihren schnellen Karrieren mitmacht. Es geht heute nicht mehr um Menschen, sondern um Produkte. Die müssen gut aussehen, aber wie sie singen, ist dann manchmal zweitrangig. Vielleicht nehmen im Publikum auch die Adabeis zu. Die finden alles toll, weil man es ihnen so gesagt hat.

-Haben Sie noch Angst, bevor Sie auf die Bühne gehen?

Ja. Das hat auch mit Demut zu tun. Viele im Publikum kommen wegen mir. Was erwarten sie? Kann ich ihnen einen schönen Abend bieten? Es wäre doch furchtbar, wenn ich vom Hotel zur Oper gehe, mich umziehe, schminke und eine Art Job mache. Singen ist kein Job, sondern ein Geschenk. Und die Luft da oben ist sehr dünn. Nur wer blöd ist, hat keine Angst.

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