Eine nimmermüde Aufziehpuppe: Renatus Mészár als Präsident. Foto: Jochen Klenk

Aus der Zeit gefallen

München - Josef E. Köpplinger inszenierte für sein Gärtnerplatztheater die Uraufführung von Friedrich Cerhas „Onkel Präsident“.

Wenn er nur nicht immer selbst die richtigen Antworten geben würde. Denn ja, natürlich, wie es im Stück heißt: Nach Verdis „Falstaff“, 1893 als letzte Bühnengenietat des damals 79-Jährigen uraufgeführt, ist Komik in der Oper kaum mehr möglich. Friedrich Cerha, 87, hat folglich Recht - und versucht’s trotzdem. Und das ist der vielleicht beste Witz, den sich der Österreicher mit „Onkel Präsident“, seiner mutmaßlich finalen Oper, komponiert fürs Gärtnerplatz- und gerade im Prinzregententheater uraufgeführt, erlaubt.

Der Mann ist also so frei. Und so versiert. Ein Stimmen- und Textliebhaber. Einer, der amüsiert auf die jungen Kollegen im Musiktheatersandkasten schaut, auf ihr Buddeln ohne Grenzen - und sich ans einzig Bühnenwichtige hält: an erzählbare Situationen. Der Griff zu Ferenc Molnárs Stück „Eins, zwei, drei“, in Billy Wilders Filmfassung zur Unsterblichkeit geführt, bringt und zwingt allerdings zwei verschiedene Welten zusammen. Hier ein kapitalismuskritisches Klipp-Klapp-Schauspiel, das förmlich durchdreht. Und dort ein Komponist, dem das nicht genug ist, der problematisieren möchte, alles einbetten in größere, weisere, auch autobiografische (und dann eitle) Zusammenhänge.

Dementsprechend fällt auch Cerhas Musik aus. Die zeigt in jedem Takt Altmeisterschaft: eine Partitur, balanciert und kalkuliert, wie zum Mitschreiben - und immer sängerdienlich. Da gibt es überspitzte Momente, Passagen, in denen die Musik stückgemäß überschnappt. Eine genau inszenierte Kakophonie, die sich gern im Schlagwerk abspielt oder die Bläser wetterleuchten lässt. An Kulminationspunkten plustert sich das Werk dramatisch - was sofort wieder ironisiert, als Imponiergehabe entlarvt wird. Experten sind geladen zum Zitate-Raten, wobei sich die „Falstaff“-, „Bohème“- und Hymnen-Einsprengsel (zu) gut verbergen. Zweimal verdichtet sich alles zu Ariosem, was unter Einmischung des Dirigenten zum kleinen Operndiskurs genutzt wird.

Doch oft durchzieht da ein anderer Ton den pausenlosen 100-Minüter. Nicht nur in der Rahmenhandlung, wenn der Präsident mit einem Komponisten über das Werk sinniert, auch im eigentlichen Stück. Ein weicher Gestus, oft in Klage- und Seufzergebärden, der sich zu irgendetwas zurückzusehnen scheint. Vielleicht in die Zeit, über die sich Cerha selbst definiert: über die Gustav-Mahler-Nachwehen und die zweite Wiener Schule. Eine Alban-Berg-Erinnerung ist das, eine Larmoyanz, eine Gebrochenheit, die dem Abend unbedingt noch eine andere Ebene einziehen möchte.

Gerade der Präsident, bei Renatus Mészár eine wuchtige, nimmermüde Aufziehpuppe, grandios genau und extrem prägnant gesungen, diese Zentralperson hätten Cerha und sein Librettist Peter Wolf gern schon etwas tragischer. Doch Karikaturen im Weichzeichnerlicht, das gibt die Vorlage nicht her. Überhaupt ist es verräterisch, dass Cerhas ohnehin deklamatorischer Ton manchmal ins reine Sprechtheater zurückfällt. Was für eine Blöße: Ob Molnárs Vorlage Cerhas Musik gar nicht nötig hat…?

Witz, auch das lehrt der Abend, ist nicht unbedingt Geschmacks-, Glücks-, sondern auch Generationensache. Und mag all die Satire über die Macht des Geldes samt seiner skrupellosen Besitzer auch anno 2013 heftiges Nicken provozieren: In dieser Umsetzung wirkt „Onkel Präsident“ merkwürdig aus der Zeit gefallen.

Josef E. Köpplinger, der regieführende Intendant, hat sich daran abgearbeitet. Der lichte, hohe Büro-Komplex von Johannes Leiacker ist eine Augenweide, bietet beste Voraussetzungen zu flotten Auf- und Abtritten. Doch das Synchron-Stenographieren und hektische Stöckeln der drei Fräuleins (Elaine Ortiz Arandes, Ann-Katrin Naidu, Frances Lucey), die überdrehte Beflissenheit des Sekretariatsleiters (Stefan Cerny) und ähnliche Aufgeregtheiten mehr, all dies ist eher Handwerksübung. Mehr, das signalisiert Köpplinger ungewollt (der ja zur Turbo-Regie à la „Anything Goes“ fähig ist), war eben nicht drin. Passender dagegen die Rahmenhandlung, für die Komponist und Präsident zur Zwiesprache im Nadelwald platziert werden.

Am allerstärksten ist aber, dass das Haus diese imponierende Besetzung aufgeboten hat: Neben Renatus Mészár ist das Susanne Ellen Kirchesch, eine Art Buffo-Lulu und unerschrockene Sopran-Amsel, auch Robert Holl mit großer Autorität als Komponist, Holger Ohlmann als Geistlicher, besonders aber Chefdirigent Marco Comin. Der ist weit mehr als nur Koordinator: Antreiber, Motivator, einer, der sich mit dem Gärtnerplatzorchester diese neue Partitur wirklich 100-prozentig zu eigen gemacht hat.

Heftiger, langer Beifall. Und jetzt am besten nochmals Billy Wilders Geniestreich anschauen.

Markus Thiel

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