Aus der Zeit heraus

- Mit dem Alltag, mit Zwischenmenschlichem, mit konkreten Ereignissen aller Art (und ihrer Kommentierung) hat dieser Mann, wie's scheint, schon lange nichts mehr zu tun - jedenfalls nicht direkt. Günther Paal will ganz woanders hin. Sein Weg führt aus der Zeit heraus, und zwar "rechtwinklig". "Vom Leben - Ein Entlebnisbericht" heißt das Programm, mit dem der österreichische Kabarettist in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft nun erstmals auch in Deutschland sein Publikum auf eine ganz außergewöhnliche Reise mitnimmt.

Dem "Gunkl" zu lauschen erfordert, ganz Ohr zu sein, ganz bei der Sache. Fast jeder Satz wird zur Definition, keine Formulierung, über die nicht lange gegrübelt wurde. Mit fundierten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen im Rücken beschreibt der ranke Riese aus Wien seine Eindrücke. Wie man sich "neben der Zeit" bewegt, wie sich das anfühlt, wenn die Orientierung schwierig wird, weil es ja keine Richtung gibt.

Die Fantasie blüht, aber sie blüht kontrolliert, und sie schafft ein Szenario wie die auch schon von anderen gedachte Rückkehr in die Zeit zum falschen Zeitpunkt, nämlich weit in der Vergangenheit. Dann wird der Reisende zum einzigen Wissenden unter lauter Noch-nicht-Wissenden.

Doch damit nicht genug, irgendwie kommt der Hin- und Herdenker schließlich an die Grenze der eigenen Existenz und auf den Gedanken, er selbst sei nur eine der vielen "verpassten Gelegenheiten", in deren Gesellschaft er sich in diesem obskuren "Jenseits" am Ende befindet.

Das ist schon gut. Das ist so gut, dass Günther Paal an diesem Abend gelegentlich eine Situation schafft, in der nicht nur für den von ihm imaginierten Ort gilt, dass die Zeit nicht "wie von selbst" vergeht. Und dann wünscht man sich, dass er von der Theorie doch häufiger in die (Lebens-)Praxis wechseln möge, aus der er doch so schön erzählen kann. Aber möglicherweise ist man ihm mit dieser Empfindung ja auch nur zu weit in seine (andere) Welt gefolgt.

Bis Samstag, 20 Uhr. Telefon: 089/ 39 19 97.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Hamburg - Jörg Widmanns monumentales und mehrheitsfähiges Oratorium „Arche“ ist eine Maßanfertigung für die Hamburger Elbphilharmonie. Die Konzertkritik.
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Im Minenfeld
München - Bernhard Maaz, Chef der Staatsgemäldesammlungen, spricht im Merkur-Interview über Kunst in der NS-Zeit, Gurlitt, Raubkunst, Provenienzforschung und Restitution.
Im Minenfeld

Kommentare