Die Zeit spielt sichtbar verrückt

München - "Etwas ist aus der Ordnung", wiederholt Maike, als Chefarzt Dabbeling ermordet wird und ihr Mann Sebastian daraufhin ihren Sohn, den er gerade eigenhändig im Ferienlager abgesetzt hat, für entführt hält. Maike hat schon allein deshalb Recht, weil sie eine von Juli Zehs Romanfiguren ist, und bei denen ist nicht selten etwas "aus der Ordnung".

In diesem Fall ist es Sebastians Welt, die durch die mörderische Erpressung seines ehemaligen Physik-Kommilitonen und Liebhabers Oskar aus den Fugen gerät. Maike hat sogar noch mehr Recht, wenn sie, gespielt von Barbara Romaner, in Bettina Bruiniers erster Inszenierung am Münchner Volkstheater auf der Bühne steht.

Denn da hievt die 32-jährige Regisseurin Juli Zehs gerade erschienenen Roman "Schilf" erstaunlich leichtfüßig in eine Art metaphysische Erzähltheater-Performance. Die hat ihrer Vorlage vor allem, was den Roman-Aufhänger einer zeitphilosophisch-physikalischen Unordnung betrifft, viel voraus.

Zunächst einmal bringt Bruinier etwas in Ordnung: die Chronologie der Vorgeschichte, die sich im Buch aus verschiedenen Retrospektiven ergibt. Damit sorgen sie und ihre Koautorin Katja Friedrich für eine hilfreiche Erdung der Figuren. Dann begeben sich die Schauspieler ­ bis auf die beiden rivalisierenden Physikdozenten, Friedrich Mückes intellektuellen Normalo Sebastian und Andreas Tobias' pomadig glatten Egozentriker Oskar ­ auf einen munteren, manchmal etwas allzu improvisierten zweistündigen Staffellauf durchs Romanpersonal.

Es gelingt ihnen trotzdem, dem Publikum nahe zu kommen. Besonders Johannes Silberschneider und Sophie Wendt ­ überwiegend als berufsmüder Kommissar Schilf und ehrgeizige Kriminalbeamtin Rita zu sehen ­ produzieren wie auf Knopfdruck mitreißende Präsenz. Das liegt natürlich auch an der Kleinen Bühne des Volkstheaters, die Bruinier in ihrer gesamten Länge, bis auf die Flure hinaus und einschließlich der Fensterfront bespielt.

Vor allem aber liegt es daran, dass die Regisseurin ihre Uraufführung um genau die zwei wesentlichen Dinge bereichert, an denen es ihrer konstruierten Vorlage, die das Krimigenre ironisch in alle Einzelteile zerlegt, mangelt: Spannung und Intimität.

Das ist umso überraschender, als es Bruinier gar nicht darauf anlegt. Doch ohne auf den Sprachwitz und scharfzüngigen Humor der Autorin verzichten zu müssen, gelingt es ihr, das bei Zeh schier unumgängliche Zerreden einer Sache mit kleinsten Mitteln und viel Gespür für charakteristische Pointen durch die Sache selbst zu ersetzen: Die Zeit, die in "Schilf" in Form von Vergangenheit und Doppelwelten mehr als einmal zum Tatmotiv wird, spielt auf dieser Bühne sichtbar verrückt. "Alles, was möglich ist, geschieht" hier wirklich.

Nächste Vorstellungen:

18., 27., 28., 29. Dezember.

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