Oft der Zeit voraus

- Er war der "Herr der Fragen". Sein Leben eine Aufforderung zum Freimut, sein Lebenswerk ein Spiegel von 3000 Wochen Deutschland: Rudolf Augstein, Machtmensch und Melancholiker, Jahrhundertjournalist und Legende. "Gibt es einen interessanteren Mann nach dem Kriege?" fragt Ulrich Greiwe in seiner Biografie über den großen Journalisten, die jetzt, kaum sechs Wochen nach dessen Tod, bei dtv erschienen ist.

<P></P><P>Gut und sehr lebendig, voller Leidenschaft erzählt Greiwe dieses Leben. 1923 begann es. Rudolf war das sechste von sieben Kindern katholischer Eltern. Der Klassenbeste verweigerte sich der "Hitlerjugend" (HJ), trat dafür als Marionettenspieler auf. Mit 17 las er Hegel und Nietzsche und schrieb altkluge Leserbriefe an Goebbels' "Reich". Ein eigenes Gedicht beginnt der Abiturient 1941 mit der Zeile "Oh Gott, ich habe das Große gewollt", kurz darauf kam die Einberufung an die Ostfront: "Wo immer wir zurückgegangen sind, war ich dabei", ironisierte er später die Fronterfahrung.</P><P>Schon seine ersten Schritte danach zeigen das Doppelgesicht, das Greiwe ins Zentrum stellt: Einerseits war Augstein ein Skeptiker, für den es "endgültige Wahrheit nicht geben kann", der alles in Frage stellte und sofort nachhakte, wo andere schwiegen. Andererseits war Augstein immer rühriger als andere. So gelang ihm nicht nur, mit einem Trick der Gefangenschaft zu entgehen. So ergatterte er auch von den Briten eine der ersten Presselizenzen und gründete sein "Magazin".</P><P>Stilistisch und intellektuell ist der Biograf Augstein gewachsen, nur bleibt er mitunter etwas unpräzise, was auch daran liegen mag, dass manche Akten nicht zu sichten waren. Trotzdem gelingt es Greiwe hervorragend, die Spreu vom Weizen zu trennen, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren: Während privater Klatsch - fünf Ehefrauen, vier Kinder, Affairen - knapp abgehandelt wird, beschreibt das Buch die großen Einschnitte und Kämpfe, handelt ausführlich davon, wie Augsteins Spiegel wurde, was er ist: die ersten 15 Jahre des "Sturmgeschützes der Demokratie" im Adenauer-Deutschland, die Spiegel-Affäre 1962, die sympathiegetränkte Distanz zur APO, als Augstein sich zugleich für Reformen der erstarrten Republik und gegen eine "alternativlose" SPD stark machte.</P><P>Greiwe erzählt auch vom epochalen Interview mit Heidegger und dem Ausflug in die Politik, als Augstein kurzfristig (1972/73) für die FDP im Bundestag saß und man ihm gar den Fraktionsvorsitz in Aussicht stellte; schließlich der schleichende Rückzug aus dem Journalismus seit den 80er-Jahren.</P><P>Die Artikel, mit denen er sich seitdem noch gelegentlich zu Wort meldete, zeigen den Facettenreichtum dieses Mannes, der seiner Zeit häufig voraus war, zugleich die unter der Oberfläche liegenden Pole seiner Interessen: die Kunst und die Geschichte. Der Theater- und Literaturbegeisterte schrieb über eine Wiener Zadek-Inszenierung, über Tschechow und Kleist, über Heine, Fontane und Jünger und gleich mehrmals über Richard Wagner. Über Tagespolitik stattdessen allenfalls noch, wenn es um die Wiedervereinigung ging oder ein Nachruf zu verfassen war. Fast zärtlich bemerkte er über seinen alten Lieblingsfeind Franz Josef Strauß: "Ich hielt ihn immer für korrupt, wusste aber auch, dass man dieses Wort in Bayern nicht kennt."</P><P>Ansonsten beschäftigte ihn - "verdrängen ist gut, bewusstmachen ist besser" - nur noch die deutsche Geschichte. "An Augstein kann man den Wert geschichtlichen Lernens ermessen", meint Greiwe, ohne den "sonderbaren Geschichtsfanatismus" zu verschweigen: Augsteins an Besessenheit grenzende Faszination für die "großen Männer": Wilhelm II., Bismarck, Hitler, Friedrich II. und Jesus. Über die beiden letzteren schrieb Augstein sogar bedeutende Bücher. "War das eigentliche intellektuelle Ziel, das Augstein trieb, die Enträtselung Deutschlands?" fragt Greiwe und bejaht.</P><P>Die größte Lebensleistung aber ist die öffentliche Wirkung: ein kritischer Geist, ein Anreger. Denn "der Kopf", auch das war eine von Augsteins Weisheiten, "ist nicht nur zum Haareschneiden da".</P><P>RÜDIGER SUCHSLAND</P><P>Ulrich Greiwe: "Augstein. Ein gewisses Doppelleben". dtv, München. 248 Seiten, zehn Euro.</P>

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